Innsbrucks Papageien

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Entstehung und Ende einer wild lebenden Tiroler Papageien-Population | In Innsbruck gehörten knapp 30 Jahre lang Halsbandsittiche als heimischer Brutvogel zum ganz normalen Stadtbild | Spektakuläre Beispiele und Hintergründe zu Tier-Invasionen in Europa

Invasion der Exoten in Europa: Innsbrucks Papageien – als Taubenfüttern in Tirol noch ein buntes Hobby war

In Norddeutschland sorgen derzeit wild lebende Nandus, südamerikanische Laufvögel ähnlich dem Strauß, für Schlagzeilen. Mehr als 100 dieser Tiere bevölkern Teile von Mecklenburg-Vorpommern. Keine zehn Jahre ist es her, da gehörten tropische Papageien noch zum ganz normalen Innsbrucker Stadtbild. Und die Tiroler Papageien waren keine Eintagsfliegen, denn laut wissenschaftlicher Definiton waren die Innsbrucker Halsbandsittiche, die Kolonie zählte in ihren besten Zeiten über 70 Tiere, als einheimische Tierart zu werten. Um als heimisch zu gelten, muss sich eine invasive Tierart drei Generationen im neuen Lebensraum halten – so die Definition. Und diese Vorgabe erfüllte die Innsbrucker Papageien-Kolonie zwischen 1978 und 2006. Begonnen hatte alles Ende der 1970er-Jahre in einer Villa im Stadtteil Saggen.

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Der Halsbandsittich  ist die weltweit am weitesten verbreitete Papageienart und kommt sowohl in Afrika als auch in Asien vor. Als so genannter Neozoon  lebt er auch in Europa (in Köln werden beispielsweise bis zu 2000 dieser Papageien gezählt). Und als Neozon besiedelte die Papgeienart auch Innsbruck. Was das Tiroler Halsbandsittich-Vorkommen aber so besonders machte und in Wissenschafter-Kreisen zu vielen Diskussionen führte, war der Vorstoß in alpines Terrain. Die Innsbrucker Kolonie hatte nämlich den extremsten Lebensraum bezogen, den diese Papageienart je erobert hatte. Papageien im Schnee – in Innsbruck im Winter einst eine ganz normaler Anblick. Die ursprüngliche Heimat der eigentlich äußerst frostempfindlichen Halsbandsittiche sind die Tropen: In Afrika in den Savannengebieten vom Senegal über Guinea bis in den Sudan, in Asien von Pakistan über Indien, Bangladesch und Myanmar bis nach Sri Lanka.

Martin und Jürgen Pollheimer, Manfred Föger sowie Ida Pack von der Universität Innsbruck befassten sich wissenschaftlich mit der außergewöhnlichen Innsbrucker Papageien-Kolonie. Sie begaben sich auf Spurensuche über die Entstehung und versuchten zu ergründen, warum die einst so stabile Population im Jahre 2006 dann doch wieder verschwand. Wie bei den norddeutschen Nandus , wo die ersten Tiere der nunmehrigen Wildpopulation aus einem Gehege eines privaten Tierparks entkamen, gründet sich die Innsbrucker Papageien-Population auf Tieren, die aus privater Tierhaltung stammen. Die Kolonie-Gründer waren zwei Halsbandsittiche, die im Stadtteil Saggen entflogen waren. Als neuen Lebensraum erkor das Paar dann den an Saggen angrenzenden Hofgarten aus. Bis Ende der 1980er-Jahre vergrößerte sich das Papageien-Vorkommen auf knapp 40 Tiere, Ende der 1990er-Jahre wurden bis zu 70 Individuen gezählt. Dass die Papageien trotz Durchschnittstemperaturen von minus zweieinhhalb Grad im Jänner in der Tiroler Landeshauptstadt überleben konnten, hatte zwei Hauptgründe: Einerseits durch Fütterung von Einheimischen im Hofgarten, andererseits durch eine bauliche Besonderheit des Kongresshauses Innsbruck, das am Rande des Hofgartens steht. Dort sorgte nämlich die Klimaanlage für einen gebündelten Ausstoß von warmer Altluft, konzentriert an einer Stelle. Und dies nutzten die Papageien sozusagen zum Aufwärmen.

Doch damit nicht genug. Aus dem Hofgarten-Schwarm bildeten sich im Laufe der Zeit weitere Kolonien. Eine bezog das Gelände des Botanischen Gartens, eine weitere, wenn auch mit sechs Stück sehr kleine, Papageien-Gruppe zog sogar bergwärts und siedelte sich in Igls an. Auch aus dem Gelände rund um das Sanatorium Kettenbrücke wurde eine Schwarm-Ansiedlung gemeldet. In Österreich gab es neben der Tiroler Papageien-Kolonie nur einen weiteren, ähnlichen Fall. In Wien siedelten sich etwa zeitgleich ebenfalls Halsbandsittiche an. Die Population in der Bundeshauptstadt war aber wesentlich kleiner als jene in Tirol und ist ca. vier Jahre vor dem Ende in Innsbruck ebenfalls wieder verschwunden.

Zur Fortpflanzung und Aufzucht von Nachwuchs nutzten die Innsbrucker Papageien Bruthölen in Platanen, Weiden und Ahornbäumen im Hofgarten und im angrenzenden Saggen. Um das Jahr 2000 erfolgte dann ein Einbruch des Bestandes. Nur noch vereinzelt wurden Papageien beobachtet. Die letzten Sichtungen von Einzeltieren stammen aus 2006. Die Wissenschaftler der Universität Innsbruck vermuten, dass mehrere Gründe zum Aussterben der Papageien-Kolonie führten. Einerseits nahmen die winterlichen Fütterungen durch Spaziergänger im Hofgarten ab, andererseits wurde den Papageien durch einen Umbau des Innsbrucker Kongresshauses Ende der 1990er-Jahre der bis dahin stark frequentierte winterliche Aufwärm- und Schlafplatz entzogen. Interessant ist, dass im gleichen Zeitraum laut Pollheimer, Föger und Pack die ebenfalls einst heimische exotische Türkentaube in Innsbruck wieder ausgestorben ist.

Mit dem Ende der Kolonie in der Tiroler Landeshauptstadt sind Papageien in Österreich als heimischer Brutvogel vorerst wieder ausgestorben. Doch die Exoten-Invasion könnte sich in Zukunft jederzeit wiederholen. Die Überlebenschancen einer etwaigen neuen Innsbrucker Kolonie wären zudem sogar besser, als zwischen 1978 und 2006. Denn laut wissenschaftlichen Klimarechenmodellen ist der Alpenraum im Zuge der Klimaerwärmung als Raum ausgewiesen, der besonders starke Temperaturanstiege zu verzeichnen haben wird. Das Tiroler Wetter soll in Zukunft also Papageien-freundlicher werden.

Es recherchierte  Manfred Schiechtl

Innsbrucks Papageien
Innsbrucks Papageien
INVASION DER EXOTEN
punktierte Linie
  • Nicht heimische Pflanzen- und Tierarten bevölkern in immer größerem Stil Europa. Fast immer ist der Mensch – direkt oder indirekt – daran schuld. Bewusst wird dies aber nur in wenigen spektakulären Fällen: Etwa den Nandus in Norddeutschland, den Sittichen in Innsbruck, oder den amerikanischen Grauhörnchen, die in Deutschland sukzessive die einheimischen Eichhörnchen verdrängen – aber auch medialen Klassikern wie dem amerikanischen Waschbären. Eine von Wissenschaftlern durchgeführte Inventur in Europa im Rahmen des Projekts „Daisie“ (Delivering Alien Invasive Species Inventories for Europe) ergab 10.822 eingeschleppte Arten. Laut Wikipedia ist der „gegenwärtig wohl wichtigste Vektor für Neobiota  der Welthandel. Sein stetiges Wachstum erhöht die Anzahl von neuen Neobiota beträchtlich. Zu den wichtigsten Vektoren gehören Frachtschiffe, wo Neobiota etwa in Containern oder Frachtgut versteckt eingeschleppt werden können. Auch die Luftfahrt verbreitet Neobiota weiter.“
Fotos: Shutterstock/Aunins, Neko92vl, Bain