Als statt Adler Dinos über Tirol kreisten

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Warum die Tiroler Gemeinde Seefeld der Star der österreichischen Dinosaurier-Forschung ist | Hintergund zu den Funden des Flugsauriers Austriadactylus cristatus und des Saurierreptils Langobardisaurus pandolfii

Als Tirol noch wie die Bahamas aussah und statt Adler Dinos am Himmel kreisten

Es gab eine Zeit, als ein riesiges Meer, genannt Tethys, gespickt mit Inseln, das heutige Tirol (und weit darüber hinaus) bedeckte. Laut Forschern der Universität Innsbruck muss es hierzulande damals ähnlich ausgesehen haben, wie heute das Urlaubsparadies Bahamas am Ostrand der Karibik. Allerdings mit einer völlig anderen Pflanzen- und Tierwelt. Denn es war die Zeit der Dinosaurier. Anstatt von Adlern, die heute über Tirols Gipfel kreisen, zogen damals Flugsaurier über Inseln ihre Bahnen.

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Fast jedes Kind liebt sie, ist von ihnen fasziniert – Dinosaurier. Auch in Österreich. Dabei ist die Alpenrepublik alles andere als ein Brennpunkt der Saurier-Forschung. Denn aufgrund des großen Tethys-Meeres und nur weniger Inseln fällt die Ausbeute an Saurier-Funden in Österreich mehr als kläglich aus. Bis in das 20. Jahrhundert war nur ein einziger bekannt. Ein schwer gepanzerter Struthiosaurus , der 1871 in einem Kohlebergwerk bei Muthmannsdorf bei Wiener Neustadt in Niederösterreich gefunden wurde. In den letzten Jahrzehnten rückte aber die Tiroler Gemeinde Seefeld in das Rampenlicht und wurde zum Star der österreichischen Saurier-Forschung. Ab 1970 wurden gleich drei Saurier gefunden. Fast möchte man annehmen, dass es nordwestlich von Innsbruck, dort wo heute das Seefelder Plateau über dem Inntal thront, in der Zeit der Dinosaurier eine der Inseln des Tethys-Meeres gelegen haben muss. Und die Funde waren zudem jeweils wissenschaftliche Sensationen.

Der Seefelder Flugsaurier: Die Seefelder Funde sind dem Ölschiefer-Bergbau in der Gemeinde zu verdanken (siehe Infobox). Beim Abbau von Bitumen  wurden die Fossilien nämlich entdeckt. Den Anfang machten in den 1970er- und 1990er-Jahren zwei Fundstücke von Austriadactylus (übersetzt so viel wie „österreichischer Finger“), der zur Gattung der Pterosaurier  zählt. Neben Seefeld ist nur ein einziger weiterer Fund dieser Art aus Süddeutschland bekannt. Der Austriadactylus war ein Flugsaurier mit einer Spannweite von rund 1,5 bis 1,7 Metern (andere Quellen sprechen von 1,2 Metern). Er verfügte über einen Kamm (optisch ähnlich einem Hahn) auf dem ca. zehn Zentimeter großen Schädel. Am Boden bewegte sich der Saurier auf vier Beinen (an den Vorderbeinen war die Flughaut angewachsen). Um sich ein umgefähres Bild von der optischen Erscheinung des Tieres machen zu können, sind auf dieser Seite Illustrationen zweier verwandter Pterosaurier des Austriadactylus abgebildet – Pteranodon (oben) und Quetzalcoatlus (rechts oben).

Die Fundgeschichte des ersten Austriadactylus von Seefeld ist hochinteressant: Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schrieb 1993 wie folgt über die Fossilien aus Tirol: „Anfang der siebziger Jahre fand ein Sammler auf der Halde eines aufgelassenen Bergwerks bei Seefeld eine Reihe von Versteinerungen. 1990 schenkte er seine gesammte Sammlung dem Stuttgarter Staatlichen Museum für Naturkunde. Dort hat der Paläontologe Rupert Wild eine wissenschaftliche Sensation entdeckt – er identifizierte einen 220 Millionen Jahre alten Flugsaurier. Das Tier hatte eine Flügelspannweite von 150 bis 170 Zentimeter und besaß einen zehn Zentimeter großen Schädel. Eine Besonderheit an dem Tiroler Fund ist der Nasenkamm – eine Ausbuchtung der Nase, wie sie sonst erst 70 Millionen Jahre später aufgetreten ist und wie sie heute noch beim Pelikan zu finden ist. Das Tiroler Reptil war nach Wilds Angaben bereits derart hoch spezialisiert, dass es sich nicht nur um eine neue Art und Gattung, sondern sogar um eine neue Familie handelt.“

Entdeckt wurden die Fossilien im Ölschiefer-Bergbaugebiet Ankerschlag im Bereich Köllenwald (östlich der Bundesstraße B177 zwischen Seefeld und Gießenbach). Der Abbau in dieser Lagerstätte wurde 1964 eingestellt. Sehr zum Leidwesen von Wissenschaftlern, denn damit ist künftig kaum noch

mit Fossilienfunden zu rechnen. Obwohl – es gibt einen Lichtblick. Die Österreichische Ichthyol KG aus Reith bei Seefeld hat 2012 beim Land Tirol eine Lagerstätten-Erkundung beantragt, die gemehmigt wurde. Dadurch soll geklärt werden, ob der Abbau im Gebiet Ankerschlag wieder rentabel aufgenommen werden kann.

Das Seefelder Saurierreptil: „Durch einen glücklichen Zufall kamen wir am Institut für Geologie der Universität Innsbruck vor wenigen Jahren in den Besitz zweier Fossilstücke aus Seefeld. Diese wurden vor etwa 25 Jahren von einem Sammler, der anonym bleiben möchte, gefunden und lagerten seither in seiner Privatsammlung in Innsbruck“, berichtet Univ.-Prof. Dr. Christoph Spötl vom Institut für Geologie und Paläontologie 2013. Neben dem Rückenteil eines gut erhaltenen Fisches zog ein zweites schwer zu erkennendes, knöchernes Fossil, die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler auf sich (mittleres Foto rechts). „Da es in Österreich keine Fachleute für die Bestimmung derartiger Tierfossilien gibt, nahmen wir mit Experten in Oberitalien Kontakt auf. Diese kamen mehrfach nach Innsbruck, um das seltsame Fossil genau zu studieren und zu vermessen“, so der Geologe.

Das Ergebnis dieser Studie stellte eine paläontologische Sensation dar: „Bei diesem unscheinbaren Fossil handelt es sich um ein fast vollständiges Skelett eines kleinen Reptils aus der Gruppe der Protorosaurier  mit dem wissenschaftlichen Namen Langobardisaurus pandolfii“, zeigte sich Spötl begeistert. Diese Reptilien zeichneten sich durch einen stark verlängerten Hals sowie durch einen langen Schwanz aus. Es gab weltweit bisher nur vier Exemplare dieser Art, die in der Lombardei und Friaul in ähnlichen dunklen, bitumenreichen Schichten wie in Seefeld gefunden wurden. Das Seefelder Exemplar, das fünfte im Bunde, gehört zu den am besten erhaltenen, heißt es von Seiten des Instituts für Geologie und Paläontologie der Universität Innsbruck.

Langobardisaurus gehörte zu einer Gruppe von sogenannten Diapsiden , die in der Oberen Trias, also bald nach der Bildung der Seefelder Ölschiefer, ausgestorben sind. Er erreichte eine Länge von etwa einem halben Meter, wovon die Hälfte auf den Schwanz entfiel. Das Seefelder Exemplar weist eine Länge von etwa 25 cm auf und dürfte daher ein jugendliches Exemplar gewesen sein. Über die Lebensweise dieser Gattung ist nur so viel bekannt, dass sie sowohl auf vier Füßen laufen konnten, als auch auf den beiden Hinterbeinen. Entfernte Verwandte dieser Reptilien sind u.a. die Leguane und in Bezug auf die Bewegungsweise dürfte die Kragenechse, die heute in Australien lebt, Langobardisaurus am nächsten kommen. Sie kann sich sehr schnell aufrecht auf den Hinterbeinen rennend fortbewegen (unteres Foto rechts). Langobardisaurus besaß jedoch keinen aufstellbaren Kragen wie die australische Echse. Welche Nahrung Langobardisaurus zu sich nahm, ist unbekannt. Sein Mageninhalt gab dazu keinen Aufschluss. Vermutlich waren diese Reptilien Pflanzenfresser. Sein kräftig ausgebildetes Unterkiefer könnte aber auch ein Hinweis sein, dass er in der Lage war, harte Nahrung aufzubrechen, wie beispielsweise Muscheln.

Es recherchierte  Manfred Schiechtl

Als statt Adler Dinos über Tirol kreisten
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DER FUNDORT
punktierte Linie
  • Seefelder Ölschiefer: Der Ölschiefer von Seefeld ist ein dunkles, nach Bitumen riechendes Gestein, das vor etwa 210 Millionen Jahren entstand, als das Gebiet der heutigen Alpen Teil eines ausgedehnten tropischen Meeres – ähnlich der heutigen Inselwelt der Bahamas – war. In diesem Meer gab es lokal tiefe Bereiche, in denen es aufgrund schlechter Zirkulation und häufiger Algenblüten zu einer Situation wie im heutigen Schwarzen Meer kam: Ab einer gewissen Wassertiefe war aller Sauerstoff aufgebraucht und am Meeresboden lagerte sich Faulschlamm ab. „Dieses extrem lebensfeindliche Milieu bildete paradoxerweise die Voraussetzung dafür, dass überproportional viele Spuren des damaligen üppigen Lebens erhalten geblieben sind. Denn aufgrund des fehlenden Sauerstoffs verwesten die im Schlamm eingebetteten Organismen nicht und wurden fossilisiert“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christoph Spötl vom Institut für Geologie und Paläontologie der Universität Innsbruck. So entstand der Ölschiefer von Seefeld, dessen Bitumen seit dem 14. Jahrhundert auch abgebaut wurde, um daraus das Arzneimittel Ichthyol zu gewinnen. Verfallene Stolleneingänge, Halden und Ruinen zeugen noch heute von diesem Bergbau, der 1964 eingestellt wurde.
  • Fossilienreiches Gebiet: Während des Bergbaues stießen die Knappen immer wieder auf Versteinerungen, insbesondere Fische in teils vorzüglicher Erhaltung. Weiters fanden sich Pflanzenfossilien, meist Blätter von Tropenpflanzen. Mehr als 70 verschiedene Pflanzenarten wurden identifiziert, 90 Prozent davon Nadelhölzer. „Diese Funde belegen, dass sich unweit dieses Meeresbeckens Inseln befunden haben müssen, von denen die Pflanzenreste durch Stürme oder Tsunamis auf das Meer hinaustransportiert wurden“, erläutert Prof. Spötl. Seitdem der Bergbau eingestellt wurde, nahmen die Funde von Seefelder Fossilien deutlich ab. Vereinzelt machten seither Sammler interessante Entdeckungen. So wurden in den 1970er und dann nochmals in den 1990er Jahren Überreste von zwei Flugsauriern gefunden; einer davon hatte eine Flügelspannweite von 1,2 m und einen markanten Kamm auf seinem Kopf. Auch diese beiden Reptilfunde belegen, dass unweit des Seefelder Beckens Land gewesen sein muss.
Fotos: Harder, Witton/Naish, Renesto (2)