Als noch Löwen durch Tirol streiften

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Hintergrund zu den auch in Tirol einst heimischen sogenannten Höhlenlöwen | Beschreibung eines Fundes von Löwenknochen in der Kufsteiner Tischofer Höhle | Spektakuläre eiszeitliche Fauna Mitteleuropas und deren zeitliche Einordnung

Als noch Rudel von Löwen durch die Wälder und Wiesen Tirols streiften

Wenn man an eine Szene mit Löwen, Nashörnern, Hyänen, Leoparden und Geparden denkt, dann fühlt man sich unweigerlich in die Savannen Afrikas versetzt. Dass ein dermaßen spektakuläres Bild auch einmal zu Tirol zählte, das mag überraschen. Aber auch durch das Inntal streiften einst Löwen, Nashörner, Hyänen, Leoparden und Geparden. Jedenfalls in Zeiten, als die Alpen und damit Tirol nicht unter einem eiszeitlichen Eispanzer begraben waren.

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Dabei ist dies in Erdzeitaltern gerechnet noch gar nicht so lange her. Die Neandertaler waren bereits ausgestorben (vor ca. 30.000 Jahren), da waren Löwen in Europa noch verbreitet. In Tirol war dies möglicherweise noch vor rund 10.000 Jahren der Fall, also in jenem Zeitfenster, in dem auf dem Gebiet des heutigen Israel beispielsweise Jericho, die als älteste Stadt der Welt gilt, gegründet wurde. Auf dem Balkan, in ihrem letzten Rückzusggebiet, lebten europäische Löwen sogar noch viel länger als in Mitteleuropa. Es ist derzeit nicht auszuschließen, dass dort die letzten Großkatzen noch auf die Jagd gingen, als Ötzi seinem verhängnisvollen Schicksal im hintersten Ötztal entgegenstapfte. Wann genau die europäischen

DER EUROPÄISCHE LÖWE
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Der Höhlenlöwe  (Panthera leo spelaea) ist eine ausgestorbene Großkatzenart, die bis vor etwa 10.000 Jahren (laut „Ernst Probst, Der Höhlenlöwe“ gesichert), auf dem Balkan vermutlich noch viel länger (vermutet), in Euopa gelebt hat. Der Name Höhlenlöwe ist missverständlich, denn der europäische Löwe war kein Höhlenbewohner, Die Namensgebung bezieht sich auf Höhle, da in Höhlen die meisten Funde dieser Löwen-Art gemacht wurden. Der europäische Löwe gilt als klar abgegrenzte Unterart des afrikanischen Löwen (Panthera leo). Wie der euopäische Löwe ausgesehen hat, wissen wir heute hauptsächlich von Skelettfunden, aber auch von Höhlenzeichnungen der Steinzeit-Europäer. Derartige Darstellungen (etwa in der Chauvet-Höhle – siehe Foto links) zeigen Höhlenlöwen laut Wikipedia „immer ohne Mähne, was ein Hinweis darauf sein kann, dass männliche Höhlenlöwen im Gegensatz zu ihren afrikanischen Verwandten mähnenlos waren. Außerdem zeigen diese Darstellungen oftmals die löwentypische Schwanzquaste. Das Fell scheint nach diesen Zeichnungen einfärbig gewesen zu sein.“
Als noch Löwen durch Tirol streiften
Löwen auch auf dem Balkan endgültig ausgestorben sind, darüber ist sich die Wissenschaft aufgrund der aktuellen Fundlage derzeit nicht einig.

Bei den europäischen Löwen, auch Höhlenlöwen genannt, handelte es sich um eine verwandte Art der heute noch existenten afrikanischen Löwen – mit einem großen Unterschied: Sie waren um ca. ein Viertel größer als ihre Verwandten im Süden. Diese bis zu 3,20 Meter langen, etwa 1,50 Meter hohen und geschätzt mehr als 300 Kilogramm schweren Raubtiere galten seinerzeit, was die Jagd betrifft, als die härtesten Konkurrenten der Steinzeitmenschen. Löwen wie Menschen hatten es nämlich auf die gleiche Beute abgesehen: Wisent, Hirsch, Saiga Antilope, Wildpferd, Elch, etc.

Dass diese Löwen auch in Tirol beheimatet waren, ist zweifelsfrei nachgewiesen. So wurden etwa in der bekannten Tischofer Höhle bei Kufstein Skelettteile dieser Großkatzenart gefunden. Die in Tirol ausgegrabenen Knochen erlangten im übrigen auch wissenschaftliche Berühmtheit (siehe Infobox). Der Kufsteiner Fund geht auf einen noch jugendlichen Löwen zurück, den vermutlich Hyänen nach seinem Tod in die Höhle geschleppt haben, um ihn dort zu fressen (Hintergründe dazu siehe Infobox). Erst dadurch konnten später die Knochen bei Ausgrabungen gefunden werden. Eines der wenigen erhaltenen vollständigen Höhlenlöwen-Skelette ist im Naturhistorischen Museum in Wien ausgestellt (siehe Foto rechts). Tiroler Fossilien-Fundstücke sind im Heimatmuseum in der Festung Kufstein zu sehen (das Ferdinandeum in Innsbruck verfügt über Kopien dieser Funde aus dem Kaisertal).

Löwen waren übrigens nicht die einzigen spektakulären Großsäugetiere, die in Teilen Tirols (vermutlich vor allem im unteren Inntal), einst heimisch waren. Damals gehörten zur mitteleuropäischen Fauna auch Verwandte anderer Tiere, die wir heute hauptsächlich mit Afrika assoziieren. Dazu zählen beispielsweise Hyänen, Leoparden und Geparden. Aber auch Nashörner, in diesem Fall das sogenannte Wollnashorn. Sowie mit dem Mammut ein Verwandter der Elefanten. Und nicht zu vergessen der Säbelzahntiger. Diese Spezies sind allerdings allesamt ausgestorben.

Es recherchierte  Manfred Schiechtl
Lesen Sie zu diesem Thema auch die Kolumne „Alltagsdinge, Episode 008“ – „Neue Attraktion für den Alpenzoo“ (hier zu finden).

Als noch Löwen durch Tirol streiften
Als noch Löwen durch Tirol streiften
LÖWEN IN TIROL
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  • Fundstelle bei Kufstein: In der bekannten Tischofer Höhle  bei Kufstein wurden auch Skelettteile von einem Tiroler Vertreter dieser Löwengattung gefunden, was beweist, dass die Großkatzen auch durch Tirols Wälder und Wiesen streiften. Neben den Höhlenlöwen-Knochen wurden übrigens auch Hyänen-Knochen gefunden. Dies hat insofern eine Bedeutung, da Wissenschaftler vermuten, dass die Hyänen der Grund der Funde der Knochen von Löwen in Höhlen sind. Hyänen haben laut dieser Theorie tote Löwen zum Fressen in Höhlen geschleppt. Den Hyänen wäre so der Fund von allen Höhlenlöwen-Überresten zu verdanken (bis auf einen einzigen bekannten Fund eines europäischen Löwen im Freiland in Deutschland). Die Datierung des bisher einzigen dieser seltenen europäischen Löwenknochenfunde in Tirol im Kaisertal ergab ein Alter von etwa 31.000 Jahren. Fundstücke aus der Tischofer Höhle sind im Heimatmuseum der Festung Kufstein zu sehen.
  • Kufsteiner Löwe Star der Wissenschaft: Ursprünglich waren sich die Wissenschaftler nicht einig, ob die Skelettfunde von eiszeitlichen Großkatzen (erstmals 1810 beschrieben) Tigern oder Löwen zuzuordnen seien. Zwei Deutsche Forscher wiesen allerdings dann aufgrund von DNA-Tests eindeutig nach, dass es sich um Löwenknochen handelt. Der Höhlenlöwe wurde dadurch als Unterart des afrikanischen Löwen identifiziert. Für diese spektakuläre Erbgutanalyse und einen langen Forscher-Streit schlichtende Untersuchung hatten die deutschen Wissenschaftler DNA-Proben von Löwenknochen aus Siegsdorf in Bayern und aus der Tiroler Tischofer Höhle verwendet. Vom Kufsteiner Fund – ein noch jugendlicher Löwe – wurde hierfür eine Probe aus dem Beckenknochen verwendet.
Fotos: Mauricio Anton (2), Tommy, HTO