Als die Tiroler gegen die Heuschrecken in den Krieg zogen

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Über Jahrhunderte sorgten Heuschreckenschwärme in Nord-, Ost- und Südtirol für riesige Schäden | Legendäre Schlacht: Der Kampf um Innsbruck am 26. Mai 1547

Kampf um Innsbruck: Als die Tiroler gegen Heuschrecken in den Krieg zogen

Es war, als wäre die achte der zehn biblischen Plagen des Alten Testaments über Tirol hereingebrochen. Stellenweise verdunkelte sich der Himmel, als ein gigantischer Schwarm Wanderheuschrecken durch das Inntal zog. Die Menschen bekreuzigten sich und beteten, die Priester riefen Gott um Hilfe an und ließen die Kirchenglocken Sturm läuten, in Innsbruck wurde das Milizheer mobil gemacht. Man schrieb den 26. Mai 1547 und im gesamten Inntal herrschte Aufruhr, während die Wanderheuschrecken sich über die Ernte der entsetzten Bauern her machten und kilometerbreite Schneisen in die Felder fraßen.

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Als die Tiroler gegen die Heuschrecken in den Krieg zogen, entbrannte neben vielen Scharmützeln im gesamten Unterinntal mit einem Brennpunkt bei Hall in Tirol letztlich in Innsbruck die Entscheidungsschlacht. Im Kampf um Innsbruck zog eine Menschenarmee gegen ein Insektenheer in die Schlacht. Zentrum des Gemetzels war die Innbrücke. Sie wurde von den Soldaten, Bauern, Kaufleuten, Frauen, Kindern, Senioren – alle machten mit – verteidigt. Man wollte die Insektenscharen daran hindern, den Inn zu überqueren und durchzubrechen. Es wurde eine lange, anstrengende und heiß umkämpfte Schlacht am Innübergang. Die Heuschrecken wurden erschlagen, zertreten, eingefangen und in Gruben verbrannt. Mit lärmenden Instrumenten wurde versucht, sie zurück zu treiben.

Als die Tiroler gegen die Heuschrecken in den Krieg zogen
Während in Innsbruck im großen Stil gerungen wurde, war in der nahen Stadt Hall ein ähnliches Gemetzel im Gange. Laut der Chronik von Franz Schweyger musste jede Familie zumindest einen „Soldaten“ für den Kampf abstellen. Auch auf den Feldern in Ampass, Arzl, Thaur, Mils und Vomp traten die Menschen gegen die Heuschrecken an. 1542, sieben Jahre zuvor, war ebenfalls eine derartige Invasion über Tirol hereingebrochen. Ganze drei Wochen dauerten die Kämpfe, ehe die Heuschrecken getötet oder vertrieben waren. Der Schaden für die Bauern war immens, die Bevölkerung litt aufgrund des immensen Ernteausfalls Hunger.

Den heutigen Tirolern sind derartige Szenarien völlig fremd, kennt man diese Naturschauspiele maximal aus einer Fernsehdokumentation über die Afrikanische Wanderheuschrecke, die heute noch derartiges Verhalten an den Tag legt. Doch es ist nur etwas mehr als 100 Jahre her, da gehörten derartige Katastrophen, gespickt mit dramatischen Szenen, für die heimische Bevölkerung zum normalen Leben. Über Jahrhunderte tauchten die Schwärme aus den Steppen des Ostens (siehe Infobox) immer wieder auf und sorgten in den Tälern Nord-, Ost- und Südtirols für riesige Schäden. Und Hungersnöte aufgrund der zerstörten Ernten. Die Einfälle der Heuschreckenschwärme sind für den Osten Österreichs bis zurück in das Jahr 872 ausführlich dokumentiert, für Südtirol und das Trentino gar bis in das Jahr 591. Sogar die österreichische Hauptstadt Wien wurde von Insektenheeren heimgesucht (1195, 1338 und 1473).

Es recherchierte  Manfred Schiechtl

Als die Tiroler gegen die Heuschrecken in den Krieg zogen
EUROPÄISCHE WANDERHEUSCHRECKE
punktierte Linie
  • Gigantische Schwärme: Die Europäische Wanderheuschrecke wird laut Wikipedia drei bis sechs Zentimeter lang und kann ausgezeichnet fliegen. Nahe Verwandte dieser Insekten bilden die in Afrika gefürchteten Riesenschwärme. Es finden regelmäßig Wanderzüge statt. Dabei fressen die Tiere alles, was ihnen in den Weg kommt und zerstören ganze Landstriche. Bis in das 19. Jahrhundert kam die Europäische Wanderheuschrecke  am Unterlauf der Donau und in den Steppen entlang der Wolga noch sehr häufig vor. Von dort zogen die riesigen Schwärme bei Wanderungen gegen Westen. Die Hauptrouten führten nördlich und südlich der Alpen vorbei sowie quer durch die Gebirge, wobei die großen Täler die Schwärme richtiggehend kanalisierten. Auch das Inntal gehörte zu dieser Route. Das Pustertal ebenfalls. Die Heuschrecken fraßen kilometerbreite Schneisen in die Flora. In den weitläufigen Alpenvorländern blieben die Gebiete links und rechts neben der Route unberührt. Dieses Glück hatten die Bewohner der Alpentäler nicht. Dort vernichteten die Insekten die Felder über die gesamte Talbreite. Täler wie das Inntal entsprachen mit ihrem Durchmesser ziemlich exakt der Breite eines Schwarmes wandernder Heuschrecken. Mittlerweile sind diese Insekten in Europa selten geworden, Wanderungen bleiben aus.
Fotos: Shutterstock/Protasov (2), Jurand, Brehms Thierleben (1884)