Winter des Terrors in Tirol

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Überblick über die Ereignisse im katastrophalen Lawinen-Winter von 1951 | Erklärung der meteorlogischen Ausnahemsituation, die zu den Ereignissen führte

„Winter des Terrors“: Tirols schlimmster Lawinenwinter hielt die Welt in Atem

Er war Inspiration für Hollywoodfilme, beherrschte die Schlagzeilen und zog neben den betroffenen Ländern vor allem den englischsprachigen Raum in seinen Bann. Die Rede ist vom schlimmsten Lawinenwinter der Geschichte in den Alpen in Österreich und der Schweiz – mit seinem Epizentrum in Tirol. In den USA bekam er den Namen „Winter des Terrors“ verpasst. Millionenschäden an der Infrastruktur und unglaubliche 265 Tote waren das Ergebnis einer meteorologischen Ausnahmesituation. Sogar Tirols Landeshauptstadt Innsbruck wurde getroffen. Nur in den Anden gab es zwei Lawinenunglücke, die noch mehr Opfer forderten. Zauberfuchs blickt zurück und rekonstruiert die Geschichte dieser Wochen andauernden Katastrophe.

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649 zum Teil immense Lawinen, die in Gebiete vorstießen, die seit Menschengedenken nicht von Lawinen heimgesucht worden waren, machten den Lawinenwinter 1951  zu einer zwei Monate währenden Katastrophe. Die Höhepunkte waren die Tage vom 9. bis 22. Jänner und vom 8. bis 15. Februar. Noch nie zuvor wurde eine derart hohe Zahl an Lawinen verzeichnet. Alleine in Österreich gab es 135 Opfer zu beklagen, tausende Hektar von Schutzwald wurden ebenso zerstört, wie ganze Ortschaften. Insgesamt mehr als 200 Gebäude waren Totalschäden. Auf der italienischen Seite des Brenner starben im Jänner 18 Menschen in nur einer Lawine. Die Ortschaft Heiligenblut wurde am 21. Jänner 1951 verheerend getroffen, es gab 36 Tote (vergleichbar mit der Katastrophe von Galtür 1999 mit 38 Toten). Aber auch in der Schweiz schlug der „Weiße Tod“ in bis zu diesem Winter nie gekanntem Ausmaß zu. Die Ortschaft Andermatt wurde beispielsweise innerhalb einer Stunde von sechs Lawinen getroffen. Wollte man alle Ereignisse auf einen einzigen Tag fokussieren, dann war der absolute Brennpunkt der 21. Jänner 1951.

Eine Bilanz des Landesgendarmerie-Kommandos Ende Jänner 1951 fasst die Jänner-Ereignisse für Tirol in Zahlen zusammen, Opfer: 48 Tote. Zerstörungen: 54 Häuser, 16 Industriebetriebe, 13 Stallungen, 141 Heustadl, vier Seilbahnen, ein Skilift, neun Stromleitungen. Mehr als 2000 Helfer waren bei der Verschüttetensuche im Einsatz. Helfer aus den Reihen von Polizei, Gendarmerie, Zoll, Feuerwehr und Bergwacht, aber auch Private, selbst französische Besatzungssoldaten, damals noch im Lande. Laut Kaufkrafttabelle entsprechen die damals mit rund 89 Millionen Schilling

DIE GRÖSSTEN LAWINENUNGLÜCKE
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Die schmlimmsten Lawinenunglücke der Welt mit schier unglaublichen Opferzahlen ereigneten sich in den Anden in Peru. Aber bereits an dritter Stelle rangiert der so genannte „Winter des Terrors“ in Österreich und der Schweiz (Quelle: Wikipedia).

Opfer Ereignis Land Jahr
20.000 Huascaran-Lawine PER 1970
4000 Huascaran-Lawine PER 1962
265 Winter des Terrors Ö/CH 1951
172 Salang-Lawine AFG 2010
125 Kolka-Eissturz RUS 2002
102 Kohistan-Lawine PAK 2010
96 Wellington-Lawine USA 1910
90 Frank-Lawine CDN 1903
62 Rogers-Pass-Lawine CDN 1910
59 Bayburt-Lawine TUR 1993
bezifferten Schäden in Tirol nur für die Jänner-Ereignisse des Jahres 1951 heute über 25 Millionen Euro.

Meteorologische Ausnahmesituation: Die bis zu vierfache Schneemenge im Vergleich zu normalen Wintern waren der Nährboden für die vielen Lawinen. Bereits im November 1950 war überdurchschnittlich viel Schnee gefallen. Anfang Jänner kam noch einmal viel Neuschnee dazu. Diese meteorologische Ausnahmesituation gipfelte dann in der Nacht vom 15. zum 16. Jänner 1951 in einer massiven Nordwest-Strömung. Diese sorgte an der Alpennordseite für fünf Tage fast durchgehend für weitere Schneefälle. Phasenweise gab es bis zu 15 Zentimeter Neuschnee pro Stunde. Zwischen dem 16. und 22. Jänner fielen an manchen Orten beinahe drei Meter Neuschnee. Ab 8. Februar kam es zu einer weiteren meteorologischen Ausnahmesituation. Es kam zu einer massiven Süd-Staulage. Bis zum 11. Februar hielten in Folge die Schneefälle an der Alpensüdseite an. Die im Februar üblichen Schneemengen wurden um das vierfache übertroffen. Im italienischen Valle Onsernone wurde sogar die sechsfache Menge gemessen (höchste Niederschlagsmenge seit 1864). Zu den immensen Neuschneemengen kam hinzu, dass Stürme für massive Schneeverfrachtungen sorgten (was ja auch einer der Hauptauslöser des späteren Unglücks in Galtür war). Außerdem folgte am 19. und 20. Jänner eine warme Wetterphase, die die Schneefälle bis in etwa 2000 Metern Höhe in Regen übergehen ließ, was in weiterer Folge zu verheerenden Nassschneelawinen führte. Was die Lawinenabgänge selbst betrifft, wirkte sich die meteorologische Situation im Jänner weitaus katastrophaler aus, doch auch das Februar-Ereignis trug zu den hohen Opfer- und Schadenszahlen dieses Winters bei. Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schrieb damals: „In zwei Tagen war über eine Milliarde Tonnen Regen und Schnee auf die 12.645 Tiroler Quadratkilometer gefallen. Das ist das Doppelte des Monatsdurchschnitts. Diese eine Milliarde Tonnen raste dann eine Woche lang in Form von ungezählten Lawinen zu Tal.“

Die Folgen des Katastrophenwinters: Wichtige Entwicklungen für den österreichischen Lawinenschutz nahmen ihren Ausgang in den Ereignissen Anfang 1951. Lawinenverbauungen heutiger Prägung wurden beispielsweise im großen Stil errichtet, ein Lawinenkataster wurde eingeführt, außerdem wurden ab 1953 Lawinenwarndienste installiert. In Tirol ab 1960.

Es recherchierte  Manfred Schiechtl


BEISPIELLOSE LAWINENABGÄNGE
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  • Die Tuxer Lawine: Nur ein Vorbote späterer Ereignisse, war eine Staublawine, die am 20. Jänner 1951 auf Magnesit-Werk in Tux im Zillertal niederging. Die Gebäude wurden geräumt. Etwas mehr als zwei Stunden später folgten zwei weitere Staublawinen, die über das Werk hinwegrollten. Trotz Räumung kamen dabei acht Arbeiter ums Leben. Eine vierte Lawine begrub dann das gesamte Werk vollständig.
  • Die Mühlauer-Klamm-Lawine: Am 21. Jänner 1951 wurden alle von der Mühlauer-Klamm-Lawine überrascht, die – im Gegensatz zur damals schon gut verbauten Mühlauer Lawine – zuvor nie als ernste Gefahr angesehen wurde. Doch in diesem Extremwinter bahnten sich Schneemassen, ausgehend von den steilen Hängen der Rumer Spitze, ihren Weg durch die Klamm bis auf das Innsbrucker Stadtgebiet. Dabei wurde die Innsbrucker Hauptwasserleitung zerstört und das Mühlauer Kraftwerk stark beschädigt. Die Wasserversorgung der Landeshauptstadt war vier Tage unterbrochen. Sogar Tankwagen aus München, Linz und Salzburg versorgten die Innsbrucker mit Wasser. Der Stadtteil Mühlau wurde vollständig evakuiert. Der Wald oberhalb der Klamm wurde in einer Breite von bis zu einem halben Kilometer auf eine Länge von rund einem Kilometer niedergerissen. Bis zu 600.000 Kubikmeter Schnee waren in Bewegung, wurde geschätzt. Die Schneemassen waren derart immens, dass sie erst im Spätsommer 1951 geschmolzen waren. Diese Schneemassen stauten nach dem Abgang der Lawine den Mühlauer Bach auf. Am Morgen des 22. Jänner brach der natürliche Damm. Es entstand ein Mure, die einen Weg der Verwüstung durch Mühlau zog und als Schuttkegel sogar den halben Inn am Talboden verlegte. Die Mühlauer Fabriken und viele Häuser wurden beschädigt.
  • Die Timmelbach-Lawine: Die Osttiroler Ortschaft Prägraten gilt als eine durch Lawinen am meisten gefährdeten Tiroler Gemeinden. Am 21. Jänner 1951 drang die Timmelbach-Lawine bis in die Ortsmitte von St. Andrä vor. Die Schneemassen zerstörten oder beschädigten dabei zahlreiche Häuser. Auch die Kapelle wurde niedergerissen. Eine Dorfbewohnerin fand in den Trümmern den Tod. Alleine in den Tagen des 20. und 21. Jänner 1951 wurden in Osttirol 150 Lawinen dokumentiert.
  • Dramatische Lage in Tirol: Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ (der komplette Bericht ist hier zu finden) fasste die Situation im Jänner 1951 in Tirol folgendermaßen zusammen: „Das Dorf Ischgl wurde während der Katastrophennächte von 18 Lawinen zugedeckt. Das Dorf Spieß wurde von so hohen Schneemassen zugeschüttet, daß ein Schweizer Rettungsflugzeug den Ort drei Tage lange vergeblich suchte. Bei Nauders wurden Lawinenhütten aus Eisenbeton wie Streichhölzer zerbrochen. Eisenbahnschienen, als Lawinenschutz in den Boden gegraben und bergseitig doppelt verankert, wurden wie im Spiel S-förmig verbogen. Allein in Tirol wurden 51 Dörfer durch Lawinen beschädigt. Die Strecke des Arlberg-Expreß war vier Tage lang unterbrochen, die Bahn Innsbruck-Mittenwald drei Tage lang verschüttet.“
Foto: Shutterstock/Bednarek