Schiffsfriedhof Mallows Bay

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Frachtschiffbauprogramm der USA für den ersten Weltkrieg | Schicksal dieser Flotte aus Holzdampfern | Entstehung des Schiffsfriedhofes von Mallows Bay

Mallows Bay: Letzte Ruhestätte von mehr als 230 historischen Schiffen

Keine 50 Kilometer südlich der US-amerikanischen Hauptstadt Washington in Mallows Bay am Potomac River ist der größte Schiffsfriedhof der Welt zu finden. Mehr als 230 Schiffe verrotten in einer kleinen Bucht. Und besonders interessant ist, dass es sich um einen historischen Schrottplatz handelt. Mit Schiffen, vornehmlich aus der Zeit Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Hauptsächlich Dampfschiffe mit hölzernen Rümpfen.

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Mallows Bay

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Mallows Bay 38.472121, -77.267800 Mehr als 230 Schiffe fanden in Mallows Bay ihre letzte Ruhestätte

Ihren Anfang nahm diese bemerkenswerte Geschichte im April 1917. In Europa war zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als zwei Jahren der erste Weltkrieg im Gange und die USA war den Auseinandersetzungen mittlerweile beigetreten. Wie später auch im zweiten Weltkrieg, war ein ganz besonderes Problem der Alliierten, die Nachschublieferungen über den Atlantik von den USA nach England sicher zu stellen. Die deutschen U-Boote versenkten mehr Schiffe, als nachgebaut werden konnten. Was die Liberty Ships im zweiten Weltkrieg sein sollten, das war mit mit einer Armada von Holzdampfern im ersten geplant.

Der Plan der Amerikaner war, nicht weniger als 1000 schnell zu bauende, einfache Dampfschiffe mit Holzrümpfen in 18 Monaten am Fließband herzustellen. Ca. 100 Meter lang mit einer Ladekapazität von etwa 3500 Tonnen. Damit sollte erreicht werden, dass trotz der hohen Versenkungsquote der deutschen U-Boote die Handelsmarine Kapazität zulegt und nicht verliert und somit der Nachschub von den USA nach Europa sicher gestellt wäre. Im Oktober 1918 waren wegen vieler Verzögerungen allerdings erst 134 davon gebaut, weitere 263 noch nicht gänzlich fertiggestellt. Als dann Deutschland kurz darauf am 11. November kapitulierte. Keines der Schiffe der Transport-„Geheimwaffe“ hatte zu diesem Zeitpunkt auch nur einmal den Atlantik überquert. Es wurde aber unverdrossen weitergebaut. Im September 1919 waren 264 dieser Holzdampfer im Einsatz.

Ende 1920 beschloss die US-Regierung, die insgesamt 285 letztlich gebauten Schiffe zum Verkauf auszuschreiben. Sie lagen zu diesem

Zeitpunkt eingemottet im James River, einem Seitenfluss des Potomac River (viele davon Leck geschlagen). Ein eindrucksvoller, aber auch teurer Anblick. Jedes der Schiffe hatte rund eine Million Dollar gekostet, die Erhaltung im eingemotteten Zustand kostete die US-amerikanischen Steuerzahler weitere 50.000 Dollar. Pro Monat! Nach heutiger Kaufkraft hatten die Schiffe rund 11,5 Millionen Dollar (ca. 8,5 Millionen Euro) pro Stück gekostet, die jährliche Erhaltung entsprach einem heutigen Wert von fast einer dreiviertel Million Dollar (ca. 566.000 Euro).

Im September 1922 wurden dann 233 Schiffe an eine Verwertungsfirma verkauft. Für 750.000 Dollar. Die Idee war, Schiff für Schiff in den Hafen von Alexandria in Virginia zu schleppen, dort das verwertbare Gerät von Bord zu bringen, anschließend den Schiffsrumpf zurück in den Potomac zu schleppen und dort zu verbrennen. Bis Oktober waren vier Schiffe testweise bei Widewater abgefackelt worden, nur zwei zum Verwerten an Land gebracht. Zwei vor Anker liegende Schiffe waren aufgrund von Lecks gesunken.

Alexandria und Widewater eigneten sich nicht für das Vorhaben, also wurde ein idealerer Platz gesucht und gegenüber von Widewater in einer Bucht des Potomac gefunden – Mallows Bay. Mittlerweile schrieb man April 1924. Bis August 1929 wurden 169 Schiffe in die Bay überstellt.

Mittlerweile hatte die Schattenwirtschaft die Schiffsstadt für sich entdeckt. Heimlich waren auf fünf Schiffen illegale Bordelle errichtet worden. Auf 26 anderen Schnapsbrennereien.

Mit Beginn des zweiten Weltkriegs wurde ein neuer Plan ersonnen. Obwohl großteils aus Holz errichtet, schlummerte in den Schiffskörpern auch viel Metall. Und dieses war in Kriegszeiten knapp. Man wollte nun die Schiffe am Fließband abwracken und dieses Metall für die Weiterverarbeitung gewinnen. Doch der Prozess war sehr umständlich und langwierig. 1944 wurde das Unterfangen gestoppt. Die Armada lag weiter in Mallows Bay vor Anker. Dies sollte sie auch die nächsten Jahrzehnte bleiben.

Von den ursprünglich 285 gebauten Schiffen aus dem Jahr 1920 landeten zumindest 152 in Mallows Bay. Ein Drittel davon liegt heute immer noch in der Bucht vor Anker. Oder besser gesagt Leck geschlagen am flachen Grund der Bucht im Potomac River. Zusätzlich wurden in weiterer Folge alle mögliche Arten anderer Schiffe dort entsorgt. Schiffe aus dem späten 18. Jahrhundert genauso, wie bis in die 1980er Jahre modernere Schiffe mit Stahlrümpfen.

DIE BUCHT DER WRACKS
punktierte Linie
  • Mallows Bay ist eine kleine Bucht am Potomac River im US-Bundesstaat Maryland. Der zuständige Bezirk, Charles County, unterhält den Mallows Bay Park nahe dem Ort Nanjemoy. Im Zentrum des Parks stehen die mehr als 230 dort gelagerten Schiffswracks. Die Schiffe formen heute eine Art natürliches Riff und sind vielfach von der Natur übernommen worden. Skurril oftmals der Anblick der teilweise bewaldeten (!) Holzrümpfe, ein Paradies für Tiere, allen voran Vögel. Entlang der Küstenlinie der Bucht wurde ein Wanderpfad errichtet. Beliebt ist das ruhige Gewässer bei Paddlern, die sich auf Entdeckungsfahrt rund um die, wie viele kleine Inselchen wirkenden, Schiffe machen.
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Mallows Bay 38.471264, -77.267095 Schiffsfriedhof Mallows Bay
YOUTUBE  Video über den Schiffsfriedhof.