KML-LogoFullscreen-LogoQR-code-logoGeoJSON-LogoGeoRSS-LogoWikitude-Logo
Luftkampf über Ehrwald

Karte wird geladen - bitte warten...

Focke Wulf 190 - Martinau: 47.359758, 10.542755
Focke Wulf 190 - Knittelkar: 47.372082, 10.651932
Focke Wulf 190 - Schlossberg: 47.461290, 10.695190
Focke Wulf 190 - Hönig: 47.396025, 10.730553
Focke Wulf 190 - Tuftlalm: 47.418099, 10.881271
B-24 Liberator - Lermoos: 47.393934, 10.891571
B-24 Liberator - Biberwier: 47.380452, 10.895348
Focke Wulf 190 - Grubigstein: 47.384171, 10.843849
Focke Wulf 190 - Gartnerwand: 47.380452, 10.791664
B-24 Liberator - Wannig: 47.338823, 10.863247
B-24 Liberator - Wamperter Schrofen: 47.364758, 10.915432
B-24 Liberator - Brendlkar: 47.357897, 10.949764
B-24 Liberator - Hohe Munde: 47.347488, 11.076708
Focke Wulf 190 - Lehnberg: 47.335269, 10.906419
B-24 Liberator - Wildermieming: 47.332363, 11.010447
B-24 Liberator - Stams-Hauland: 47.270163, 10.993195
Telfs: 47.306357, 11.070957
Innsbruck: 47.268514, 11.394453
Reutte: 47.490529, 10.721626
Ehrwald: 47.402067, 10.925903
Imst: 47.242415, 10.744972

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Augenzeugenberichte zum größten Luftkampf des Zweiten Weltkrieges über Tirol | Hintergrund zum Einsatz US-amerikanischer Bomber aus Pantanella und deutscher Jagdflieger aus Altenstadt

16 Flugzeuge stürzten vor 70 Jahren nach dem größten Luftkampf über Tirol ab: Zwei Beteiligte schildern ihre Erlebnisse

Im Zentrum von Ehrwald im Außerfern steht ein Denkmal, das an die Toten des Zweiten Weltkrieges erinnert. Auf der Säule vermerkt sind auch die Namen von 30 US-Amerikanern und fünf Deutschen – die Gefallenen des größten Luftkampfes, den es jemals über Tirol gegeben hat. Dass dieses Denkmal in Ehrwald steht, hat seinen Grund, denn am Himmel über dem Gebiet zwischen dem Fernpass und der Außerferner Gemeinde fand die Luftschlacht vor 70 Jahren am 3. August 1944 kurz vor Mittag statt.

Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 7:10 Minuten  (Erklärung hier)

Acht US-amerikanische Bomber der Marke B-24 Liberator  stürzten dabei ab. Außerdem acht deutsche Jagdflugzeuge der Type Focke Wulf 190 . 30 US-Amerikaner starben, 48 – eine Bomber-Besatzung bestand aus zehn Mann (zwei Bomber waren nicht voll besetzt) – konnten mit dem Fallschirm abspringen oder sich aus den Wracks retten. Sie gerieten alle in Gefangenschaft. Laut den offiziellen Vermisstenlisten des US-Verteidigungsministeriums („missing in action“ laut DPMO) sind alle Schicksale geklärt. Gerüchte, dass zwei Crewmitglieder noch vermisst werden und ihre Leichen möglicherweise noch in den Tiroler Bergen unentdeckt liegen, scheinen sich aufgrund dieser Tatsache nicht zu bewahrheiten. Aus den getroffenen, einsitzigen Maschinen der deutschen Luftwaffe konnten drei Piloten abspringen. Fünf überlebten den Absturz ihrer Jagdmaschinen nicht. Nicht einmal zehn Minuten hatte das grausame Spektakel am Himmel vor den staunenden Augen vieler Tirolerinnen und Tiroler gedauert. Das Resultat: 35 Tote und 16 Flugzeugwracks, verteilt über die Berge und Wälder zwischen Reutte und Telfs. Außerdem ein Denkmal in Ehrwald (siehe hier) sowie eine Gedenktafel im Gaistal, die heute an dieses Ereignis erinnern.

Von Leutnant (2nd) Joseph C. Sandford von der 465. Bombergruppe/55. Geschwader der 15. US-Luftflotte  (nur in Englisch) auf der US-amerikanischen Seite und Feldwebel Willi Unger  (nur in Englisch), ein späteres Fliegerass der deutschen Luftwaffe, vom Jagdgeschwader 3 „Udet“  (nur in Englisch) auf der deutschen Seite sind ein Interview * bzw. ein Gefechtsbericht ** erhalten, in denen die beiden in eigenen Worten den Ablauf der Ereignisse schildern.

Der Luftkampf aus der Sicht von Leutnant (2nd) Joseph C. Sanford: Sanford war als Bombardier für die Zielerfassung in der B-24 der US Air Force mit der Kennung 41-29377 verantwortlich. Sein Flieger stürzte nach Treffern von einer deutschen Focke Wulf 190 ins Inntal ab und schlug in der Nähe des Weilers Hauland bei Stams auf. Sanford überlebte und wurde wie seine neun Crewkollegen gefangen genommen (seine Schilderung der Ereignisse in einer übersetzten Kurzzusammenfassung). „Ich erinnere mich noch gut an das Datum. Es war der 3. August 1944. Es war das einzige Mal, dass ich einen Albtraum in der Nacht vor einem Einsatz hatte. Unser Einsatzbefehl lautete, von unserem Stützpunkt in Pantanella in Italien aus mit unseren B-24-Bombern Industriebetriebe in Friedrichshafen am Bodensee anzugreifen. Auf dem Rückflug, als wir gerade Richtung Inntal – ein atemberaubender Platz, einer der atemberaubendsten Plätze auf der ganzen Welt – unterwegs waren, war es sehr ruhig. Irgendwie zu ruhig. Ich schaute aus dem Fenster und sah plötzlich eine brennende Maschine an unserer Seite. Ich schaute mich um und sah, wie Geschosse einschlugen. Salven wie kleine Sonnen durch die Luft fliegen. Mein Gott – dann bemerkte ich, dass die komplette Außenseite unseres Flugzeuges brannte. Ich schrie, zum Teufel, raus hier! Wir brennen! Ich sah wie gegnerische Geschosse durch die Außenhaut des Flugzeuges schlugen. Ich habe es erst gar nicht gemerkt, aber ich war auch getroffen worden. Im Gesicht. Ich öffnete den Notausstieg und sprang hinaus. Dann öffnete sich mein Fallschirm. Etwa zehn Sekunden nach dem Ausstieg gab es eine Explosion in unserer B-24. Sie zerbrach in zwei Hälften und stürzte zu Tal.“

Als Sanford am Fallschirm hängend zu Tal segelte, gingen ihm erstaunliche Gedanken durch den Kopf: „Man wird es mir nicht glauben, aber ich dachte, wie schön es hier ist. Das Tal war atemberaubend und es war still. Ich konnte dann explodierende Munition in unserem abgestürzten, brennenden Flugzeug am Boden hören. Ich sah andere brennende Wracks. Acht unserer Maschinen waren abgeschossen worden. Aber wie auch immer – es war ein atemberaubendes Panorama, und man mag es mir glauben, oder nicht, aber ich begann zu singen. Ich sang Cowboy-Lieder und begann zu jodeln.

Es war ein schöner Platz um zu jodeln. Ich fühlte mich okay und die Schönheit des Inntales beeindruckte mich. Ich segelte viele Kilometer das Tal hinunter, mir kam vor, als ob ich eine Stunde unterwegs war. Schließlich kam der Boden immer näher. Das letzte, an das ich mich dann erinnere, war, dass ich über das Dach eines Bauernhofes schwebte und dahinter auf einer Wiese aufschlug. Dabei wurde ich ohnmächtig. Ich war etwa eine halbe Stunde ohne Bewusstsein. Als ich wieder wach wurde, standen wohl an die 30 Leute um mich herum. Darunter ein paar bewaffnete Buben (Anmerkung: von der HJ, Hitler-Jugend). Ein kleiner Bub mit einer kleinen Pistole in der Hand trat vor und wollte mich erschießen. Irgendjemand hat ihn dann aber davon abgehalten. Ich wurde gefangen genommen und nach Innsbruck gebracht. Und lassen sie mich das sagen – Österreich ist schön. Es sah aus wie in einem Bilderbuch. Die Männer, die Frauen – alle sahen gesund aus, die meisten trugen traditionelle Kleidung. Dirndl und Lederhosen. Alles war irgendwie makellos. In Innsbruck wurde ich dann von der Gestapo verhört. Dort traf ich auch meine Kollegen wieder. Später wurden wir in das „Stalag Luft 3“ nach Oberschlesien verlegt.“ Als 1945 die russische Armee Richtung Westen vordrang, wurden die Insassen von „Stalag Luft 3“ befreit. Auch Sanford.

Der Luftkampf aus der Sicht des Feldwebels Willi Unger: Unger wurden beim Luftkampf über dem Gebiet zwischen Ehrwald und Fernpass zwei Abschüsse gut geschrieben. Am Ende stürzte aber auch er mit seiner Focke Wulf 190 ab, konnte sich jedoch per Fallschirmabsprung retten (rückübersetzt aus dem Englischen in einer Kurzzusammenfassung). „Wir wurden an diesem 3. August 1944 um ca. 10:35 Uhr alarmiert und starteten von unserem Stützpunkt Altenstadt Richtung Tirol, um die gegnerischen Bomber abzufangen. Gegen 11:25 Uhr sichteten wir die B-24 der US-Amerikaner. Meine Staffel mit vier Focke Wulf 190, insgesamt waren 16 deutsche Jäger im Einsatz, griff eine Formation mit neun Bombern der US Air Force an. Ich konzentrierte mich dabei auf drei B-24, die etwas hinter dem Rest der Gruppe zurückgeblieben waren. Ich konnte Treffer in einem US-Flieger landen, der daraufhin aus dem Verband ausscherte. Ich flog dann einen Angriff auf eine weitere Maschine. Wieder Treffer, zwei Mann der Crew sprangen aus dem Flugzeug ab, sausten an mir vorbei. Aber auch ich wurde bei diesem Angriff getroffen. Meine Windschutzscheibe war ölverschmiert. Ich konnte nichts mehr sehen. Ohne lange nachzudenken sprang ich ab. Ich wirbelte durch die Luft – der Himmel, die Wolken, der Boden drehten sich wie verrückt um mich herum. Dann die Landung per Fallschirm. Ich war am Knittelkar, direkt auf einem Saumpfad, niedergegangen und zum Glück unverletzt. Sonst wäre ich vom Berg wohl nie hinunter ins Tal gekommen. Als erstes pflückte ich ein paar Edelweiß, die dort wuchsen. Dann machte ich mich auf den Weg. Ich traf auf einen Jäger aus der Ortschaft Rieden bei Reutte. Er brachte mich nach Rieden. Auf dem Weg dorthin kamen wir auch an einem brennenden Flugzeugwrack vorbei. Die Polizei hatte den Ort abgesperrt. Sie sagten, der Pilot sei tot. Das Cockpit war aber leer und ich bemerkte, dass es meine eigene Focke Wulf 190 war.“

Unger wurde dann ins Hotel „Zum Hirsch“ nach Reutte gebracht, von wo aus er seine Vorgesetzten auf seiner Basis der deutschen Luftwaffe in Bayern verständigte. „Ein Hauptmann der Stabskompanie meiner Einheit holte mich mit dem Auto ab und um ungefähr Mitternacht war ich wieder zurück auf meinem Stützpunkt in Altenstadt bei Schongau. Ich meldete ich anschließend in der Offiziersmesse bei meinem Gruppenkommandeur zurück.“

Überliefert ist, dass Unger folgende Worte wählte: „Feldwebel Unger meldet sich vom Edelweißpflücken zurück.“

Es recherchierte  Manfred Schiechtl

*) Im Rahmen des „Veterans History Projects“ der US-Kongressbibliothek im Jahr 2000 erstellt (gesamtes Interview in Englisch hier zu finden).

**) U.a. im Rahmen eines Forumsbeitrages von „Army Airforces of World War II“ über Joseph C. Sandford veröffentlicht (in englischer Übersetzung hier zu finden).

Luftkampf über Ehrwald
Luftkampf über Ehrwald
Luftkampf über Ehrwald
Luftkampf über Ehrwald
Luftkampf über Ehrwald
HINTERGRUND ZUM LUFTKAMPF
punktierte Linie
  • Der Ablauf: Am 3. Augst 1944 hatte die 465. Bombergruppe/55. Geschwader der 15. US-Luftflotte den Auftrag, die Dornier-Flugzeugwerke bei Friedrichshafen zu bombardieren. Es starteten insgesamt 34 B-24-Bomber vom Flugplatz Pantanella in Italien (zwei Maschinen mussten später wegen technischer Probleme umkehren). Die Flugroute führte die 32 Angreifer über Brixen, das Kühtai, die Gegend von Imst, das Außerfern nach Friedrichshafen. Kurz nach 11 Uhr wurden etwa 300 Bomben auf das Ziel abgeworfen. Dann ging es wieder zurück nach Italien. Allerdings wurden die heimfliegenden Bomber dann vom „Jagdgeschwader 3 Udet“ der deutschen Luftwaffe aus Altenstadt in Bayern über dem Gebiet zwischen Ehrwald und Fernpass abgefangen. In einem spektakulären Luftkampf schossen die Deutschen acht US-amerikanische Bomber ab. Im Gegenzug wurden aber auch acht deutsche Jagdmaschinen von den US-Amerikanern abgeschossen. Alle Absturzorte siehe interaktive Grafik oben (mit einem Klick auf die Symbole erhält man die Informationen zum jeweiligen Ort).
  • Die Toten: Die verstorbenen Piloten wurden teils auf Friedhöfen (beispielsweise in Ehrwald), teils direkt an den Absturzstellen in den Bergen, beerdigt. Die US-Luftwaffe ließ die 30 toten US-Amerikaner nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges exhumieren und in US-amerikanische Militärfriedhöfe umbetten.
  • Die Wracks: Während des Zweiten Weltkrieges war Metall Mangelware. Schrotthändler aus Innsbruck forschten laufend Absturzstellen in ganz Tirol aus, so auch jene der im Luftkampf über Ehrwald abgeschossenen Maschinen. Die Wracks wurden geborgen und das Material wiederverwertet. Die Trümmer einer einzigen Maschine blieben bis heute zum Teil erhalten. Und zwar von jener B-24, die am Wamperten Schrofen niederging. In den letzten Jahren verschwanden allerdings die meisten verbliebenen Teile – der Fundort hatte sich bei Souvenirjägern herumgesprochen.
  • Die Chronik: In ausgiebiger Recherche-Arbeit hat sich der Oberländer Keith Bullock mit den Ereignissen vom 3. August 1944 beschäftigt. Wer mehr zum Luftkampf an diesem Tag wissen möchte. der findet seine Chronik der Ereignisse hier.
Fotos: United States Airforce (4), Imperial War Museum