Im Anflug auf Innsbruck abgestürzt

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Hintergrund zum größten Flugzeugunglück in der österreichischen Luftfahrtgeschichte am Glungezer vor 50 Jahren | Hintergrund zum Absturz der Schwestern-Maschine vier Jahre später, die ebenfalls auf dem Weg nach Innsbruck abstürzte

Zielflughafen Innsbruck: Englische Fluglinie verlor gleich zwei Flugzeuge auf dem Weg nach Tirol – 83 bzw. 48 Tote

Das größte Unglück in der österreichischen Luftfahrt fand vor 50 Jahren auf Tiroler Boden statt. Vom Absturz einer Maschine der englischen Fluggesellschaft British Eagle 1964 am Glungezer mit 83 Todesopfern haben viele gehört. Doch es gab noch einen weiteren Absturz eines Flugzeugs dieser Fluggesellschaft, das sich im Anflug auf den Tiroler Alpen-Airport befand. Der Absturz der Schwestern-Maschine des am Glungezer verunglückten British-Eagle-Fliegers vier Jahre später endete mit 48 Todesopfern. Kaum einer kennt dieses Unglück, wahrscheinlich weil das Flugzeug im Sinkflug Richtung Innsbruck auf bayrischem Gebiet abgestürzt war. Es waren die zwei schwersten Unglücke in der Geschichte dieser einst zweitgrößten britischen Fluggesellschaft. Beide Maschinen wollten von London-Heathrow nach Innsbruck-Kranebitten, beide hatte die gleiche Flugnummer – British-Eagle-Flug 802.

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British-Eagle-Flug 802 – 1964: Die ersten Olympischen Winterspiele in Innsbruck waren gerade zu Ende gegangen, die Tiroler Landeshauptstadt weit über die österreichischen Grenzen hinaus als touristische Winter-Destination in vieler Munde. Und von weit her reisten zahlungskräftige Erholungssuchende nach Tirol an. Sehr oft mit dem Flugzeug. So auch am 29. Februar 1964. Eine Bristol 175 Britannia 312  (im Bild oben im Hintergrund) der englischen Fluggesellschaft British Eagle  (Seite nur in Englisch) mit dem Kennzeichen G-AOVO hatte es bis in den Luftraum über Innsbruck geschafft, doch der Pilot vermochte die dichte Wolkendecke nicht zu durchdringen, um eine sichere Landung in Innsbruck-Kranebitten durchzuführen. Also begann die Maschine in einer großen „8“ mit Zentrum über dem Patscherkofel südlich von Innsbruck in einer Höhe von ca. 3350 Metern eine Schleife zu drehen. Der Pilot orientierte sich dabei an einem am Patscherkofel installierten Funkfeuer , um seine Position im Luftraum zu halten.

Im Anschluss wirkten sich zwei Dinge verhängnisvoll aus. Einerseits kam der Pilot zu tief, andererseits war auf seinen Karten der Patscherkofel (2246 m) als höchster Berg in seinem Bereich eingezeichnet und nicht der etwas östlicher gelegene, mehr als 400 Meter höhere Glungezer (2677 m), über den seine Schleife ebenfalls führte.

Während man am Innsbrucker Flughafen-Tower gerade einer Swissair-Maschine die Startfreigabe erteilte und mit einer anfliegenden AUA-Maschine kommunizierte, gab es immer wieder auch

Funkkontakt mit der britischen Maschine im Holding  über dem Patscherkofel. Der Pilot der AUA-Maschine, die gerade aus Richtung Kufstein angeflogen kam, gab sogar Tipps an die Engländer weiter, aus welcher Richtung eine Landung aufgrund der Sichtverhältnisse möglich schien. In der Zwischenzeit hatte aber der Pilot von British-Eagle-Flug 802, der zuvor bereits neunmal Innsbruck angeflogen hatte, seine ursprüngliche Flughöhe verlassen und war immer tiefer gesunken. Den Tipp der AUA-Maschine bekam er nicht mehr mit. Die Frage des Innsbrucker Towers, ob man den Hinweis verstanden hätte, wurde nicht mehr erwiedert. Zu diesem Zeitpunkt war die Maschine bereits in den Glungezer gerast.

Die 75 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder waren tot (das Unglück war zu diesem Zeitpunkt das zehntschwerste, das es jemals in der Luftfahrt weltweit gegeben hatte). Gewissheit über den Unfall gab es aufgrund des schlechten Wetters erst 22 Stunden später, als die Absturzstelle entdeckt wurde. Die Abläufe, die zum Absturz führten, lesen sich wie ein Krimi. Die österreichische Bergrettung schildert dies in einem eindrucksvollen Bericht auf ihrer Webseite (hier zu finden).

British-Eagle-Flug 802 – 1968: Am 9. August 1968 startete in London-Heathrow neuerlich eine Maschine von British Eagle mit dem Ziel Innsbruck-Kranebitten. Die Vickers 739A Viscount  (im Bild oben im Vordergrund) mit dem Kennzeichen G-ATFN hatte gerade München passiert und mit dem Sinkflug begonnen. Wahrscheinliche Unfallursache war, dass die Elektrik ausgefallen war. Dadurch

vermochten die Piloten bei ebenfalls schlechten Wetterbedingungen die Instrumente nicht mehr richtig abzulesen, da dadurch auch die Instrumentenbeleuchtung ausgefallen war. Die Maschine ging zu steil in den Sinkflug, geriet außer Kontrolle und stürzte bei Langenbrück in Bayern ab. Alle an Bord, 44 Passagiere und vier Besatzungsmitglieder, starben. Und wieder wartete man in Innsbruck-Kranebitten vergeblich auf eine große Verkehrsmaschine. In ihrer zwanzigjährigen Geschichte verzeichnete die Fluggesellschaft British Eagle vier tödliche Abstürze – zwei davon betrafen die Route von London-Heathrow nach Innsbruck-Kranebitten. Es waren auch jene zwei Abstürze mit den meisten Todesopfern.

Es recherchierte  Manfred Schiechtl
WEITERE UNGLÜCKE IN TIROL
punktierte Linie
  • 1. Mai 2013: Ein Pilot der Red-Bull-Kunstflugstaffel Flying Bulls hatte technische Probleme mit seiner Bede BD-5J  – ein Microjet, der in den 80er-Jahren einen spektakulären Auftritt im James-Bond-Film „Octopussy“ hatte – und wollte in Innsbruck notlanden. Er schaffte es jedoch nicht und stürzte bei Baumkirchen ab. Der Pilot starb.
  • 30. September 2012: Eine Cessna 414A Chancellor  mit dem amerikanischen Kennzeichen N738W startet in der Morgendämmerung am Flughafen Innsbruck. Wenige Minuten später zerschellt sie am Patscherkofel bei Ellbögen. Acht Menschen waren an Bord. Zwei Insassen überlebten.
  • 21. November 1990: Eine Beechcraft 200 Super King Air  mit dem Kennzeichen D-IGSW befand sich, vom Ronchi dei Legionari Airport aus Triest kommend, im Endanflug auf Innsbruck-Kranebitten und stürzte am Kellerjoch im Unterland ab. Der Pilot und zwei Passagiere, darunter der bekannte deutsche Industrielle Willy Korf , starben.
  • 28. August 1972: Ein Learjet 23  der Schweizer Fluggesellschaft Vodavia mit dem Kennzeichen HB-VAM, aus London-Gatwick kommend, stürzte im Anflug auf Innsbruck-Kranebitten oberhalb von St. Sigmund im Sellraintal westlich von Innsbruck in einen Berg. Pilot und Kopilot starben dabei. Passagiere kamen nicht zu Schaden – diese warteten am Innsbrucker Flughafen vergeblich auf ihre Maschine.
Foto: RuthAS/Wikimedia Commons