Hysterie um Waldsterben

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Beschreibung der Zeitgeist-Erscheinung Waldsterben in den 1980er-Jahren und der wahre Hintergrund | Auswirkungen der der Waldsterben-Hysterie | Waldzustand in Tirol heute | Alarmismus in Politik und Medien | Parallelen zwischen Waldsterben und Erderwärmung

Was aus der Hysterie um das Waldsterben wurde: das Phänomen Alarmismus und die Parallelen zum Thema Erderwärmung

Vor etwa 30 Jahren beherrschte im Umweltschutz ein Thema die Schlagzeilen der Medien und die Wortmeldungen der Politik, die fast schon hysterische Ausmaße annahmen: Waldsterben. Manche Wissenschaftler zeichneten düstere Zukunftsbilder, laut denen in Europa in kürzester Zeit der Wald verschwunden sein würde. Verschwunden ist allerdings nicht der Wald, sondern die Hysterie um das Waldsterben. In jüngeren Generationen ist es heute meist ein unbekannter Begriff. Mittlere und ältere Generationen können sich jedoch noch gut an die Hiobsbotschaften erinnern. Waldsterben ist ein Paradebeispiel für medialen und politischen Alarmismus. Und es weist im Übrigen viele Paralleln zum heutigen Aufreger Erderwärmung auf (ohne dies hiermit bewerten zu wollen). Zauberfuchs hat sich auf eine Entdeckungsreise von 1980 bis 2013 gemacht.

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Im Jahr 2000 ist Europa unbewaldet: Wer in den 1980er-Jahren eine Zeitung aufschlug, bekam meist solche Meldungen zu lesen: „Im Jahr 2000 wird es keinen Wald mehr geben“ äußerte beispielsweise Hannes Mayer, Professor der Universität für Bodenkultur in Wien. Begonnen hatte die Hysterie in den Herbstmonaten des Jahres 1981. Im deutschen Nachrichtenmagazin „Stern“ erschien die Titelgeschichte „Über allen Wipfeln ist Gift“ Das konkurrenzierende Nachrichtenmagazin „Spiegel“ legte mit der Serie „Saurer Regen über Deutschland – Der Wald stirbt“ nach. Alle Medien stürzten sich auf das Katastrophenszenario, der Begriff Waldsterben  wurde geboren. Das Phänomen schlug bald auch außerhalb von Deutschland hohe Wellen. Die österreichischen Medien waren die ersten, die nach Deutschland in die Katastrophenberichterstattung einstiegen. In den USA wurde das Wort Waldsterben sogar als englisches Lehnwort aus dem Deutschen übernommen. Einzig in Frankreich spielte man nicht mit, wurde Waldsterben, das dort ebenfalls als Begriff ins Französische übernommen wurde, als deutsche Angst-Hysterie bezeichnet. Aufgrund des Medien-Hypes bemächtigte sich auch die Politik der Thematik. Zudem erschien eine ganze Reihe von Bestsellern zum Thema auf dem Buchmarkt.

Der Beginn der Hysterie Waldsterben: Das Fundament der ersten Katastrophenberichte waren hauptsächlich die Aussagen von zwei deutschen Wissenschaftlern. Der deutsche Ökosystemforscher Bernhard Ulrich führte in den 1970er-Jahren im Solling, ein Mittelgebirge des Weserberglandes bei Göttingen, umfangreiche Messungen durch. Abseits großer Industriegebiete stieß er dabei auf teilweise hundertfach überhöhte Schwermetall- und Schwefelsäurekonzentrationen. Im Jahr 1981 wurde er zu diesen Forschungen folgendermaßen zitiert: „Wenn die Wurzeln der Bäume nachhaltig geschädigt werden, sterben die ersten großen Wälder schon in den nächsten fünf Jahren. Sie sind nicht mehr zu retten.“ Der Forstbotaniker Peter Schütt aus München veranstaltete sogar Pressefahrten in den Bayrischen Wald, um Journalisten das Waldsterben in Echtzeit zu zeigen. Die industrielle Luftverschmutzung war für beide Experten der Auslöser für das Absterben der Wälder. Die Artikel über das Phänomen Waldsterben trafen damals auf das Phänomen Zeitgeist , also die Denk- und Fühlweise eines Zeitalters. Und in den 1980er-Jahren war der Zeitgeist von Umweltschutz geprägt. Dies führte zu einer unglaublichen Popularität der Thematik Waldsterben.

Der wissenschaftliche Hintergrund: Das Absterben von Bäumen durch sauren Regen  aufgrund von Luftverschmutzung war und ist zweifellos kein Fantasiegebilde. Als saurer Regen wird Niederschlag bezeichnet, dessen pH-Wert niedriger ist als jener in reinem Wasser. Und dies schädigt die Vegetation. Luftverschmutzung ist durch säurebildende Abgase die Hauptursache für sauren Regen – vor allem durch den damals hohen Einsatz schwefelhaltiger fossiler Brennstoffe wie Kohle oder Heizöl und die ungefilterte Abgabe der Abgase an die Luft. Das Phänomen des sauren Regens war – zumindest in seiner Wirkungsweise – bereits im 19. Jahrhundert ein Thema. Laut Wikipedia führte beispielsweise 1804 in Bamberg der Bau einer mit Steinkohle geheizten Glashütte zu Protesten: Neben Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen wurde durch die freigesetzte Schwefelsäure u.a. die Erkrankung und Verkrüppelung der Vegetation bis hin zu ihrem Aussterben befürchtet. In der Zeit der frühen Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde auf

Landschaftsgemälden bereits das spätere Phänomen Waldsterben abgebildet.

Die toten Wälder des Harz- und Erzgebirges: In den 1980er-Jahren besonders stark betroffene Gebiete waren das deutsche Harz- und das tschechische Erzgebirge. Die damals gezeigten – durchaus dramatischen – Fernseh- und Zeitungsbilder extrem zerstörter Waldgebiete, stammten von einigen wenigen Waldflächen in diesen Regionen. Die Ursache für die toten Wälder war vor allem die intensive Nutzung der west- und ostdeutschen sowie tschechischen Braunkohlevorkommen, verbunden mit einer kaum vorhandenen Abgas-Filtertechnik, in den 1970er-Jahren. Diese lokalen Ereignisse wurden als zukünftiger Zustand in ganz Europa gesehen.

Vernunft hatte keine Chance gegen Hysterie: „Wir wurden damals heftig kritisiert. Wir sahen die Situation nicht so dramatisch. Es hat zwar tatsächlich sterbende Wälder gegeben, das war aber regional beschränkt und nicht für ganz Österreich zutreffend gewesen“ erzählte Markus Neumann, in den 1980er-Jahren für die Forstliche Bundesversuchsanstalt tätig, vor vier Jahren der Tageszeitung „Die Presse“. Er schilderte den damals vorherrschenden Alarmismus folgendermaßen: „Mit Untersuchungen und Zahlen ist man teils sehr großzügig umgegangen. Man hat etwa die Luftwerte aus Linz hergenommen und daraus Prognosen für das gesamte Land erstellt. Die Resultate waren entsprechend verheerend, denn in der Stadt stank kaum gefiltert die damalige VOEST vor sich hin.“ Neumann merkte aber auch an, dass er niemandem böse Absicht unterstellen will: „Viele Menschen waren ernsthaft besorgt. Aber die hatten nicht immer sehr viel Ahnung vom Wald.“ Ein Gutes hatte die Hysterie am Ende: Die Politik sah sich gezwungen, schnell harte Umweltschutzgesetze umzusetzen. Wie etwa strenge Abgasvorschriften. Heizöl und Diesel wurden entschwefelt. Für Verbrennungsanlagen wurden Filter vorgeschrieben. Das österreichische Luftreinhaltegesetz geht sozusagen auf die Waldsterben-Hysterie zurück. Mit den neuen Gesetzen wurde viel erreicht. Laut Institut für industrielle Ökologie reduzierte sich der Schwefeldioxid-Ausstoß (Hauptauslöser des sauren Regens) in Österreich von ca. 380.000 Tonnen (1980) über rund 100.000 Tonnen (1990) auf ca. 45.000 Tonnen (2000) in kurzer Zeit dramatisch. 2011 waren es laut Umweltbundesamt noch 18.500 Tonnen.

Parallelen zum Thema Erderwärmung: Der Alarmismus über das Waldsterben hatte also zweifellos auch positive Auswirkungen, nämlich eine gewaltige Reduktion der Luftverschmutzung. Heute erfährt das Thema Erderwärmung einen vergleichbaren, von Alarmismus begleiteten, Medien-Hype. Zweifellos läuft auch im Fall der Erderwärmung, auch globale Erwärmung  genannt, ein nicht zu negierender Prozess in der Natur ab. Doch oftmals werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Thema von Alarmisten missbraucht. Wieder einmal zeichnet sich dabei vor allem die Medien-Branche durch ihre Schreckensszenarien aus und erschweren dadurch eine vernünftige Auseinandersetzung mit der Thematik und eine auf wissenschaftlichen Fakten beruhende Meinungsbildung. Ein Abfallprodukt dieser alarmistischen Behandlung sind noch dazu allerlei Verschwörungstheorien .

Es recherchierte  Manfred Schiechtl

ALARMISMUS UND PANIKMACHE
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  • Alarmismus ist ein Phänomen, das hauptsächlich in der Politik und in den Medien anzutreffen ist. Auch unseriöse Wissenschaftler verfallen manchmal in Alarmismus. Das Thema Waldsterben ist ein Paradebeispiel für angewandten Alarmismus. In diesem Fall hauptsächlich durch Medien praktiziert. Mit Alarmismus ist eine übertriebene Warnung vor Problemen gemeint. Der Duden bezeichnet Alarmisten als Lärmverursacher und Unruhestifter, jemanden, der die öffentliche Aufmerksamkeit auf etwas Bedrohliches, Gefährliches lenkt, der vor etwas warnt. Verbunden damit ist auch die übertriebene Warnung vor Problemen durch Überzeichnung. Umgangssprachlich ist Alarmismus sinngemäß mit Panikmache gleichzusetzen. Der Duden dazu: Heraufbeschwören einer Panikstimmung durch aufgebauschte Darstellung eines Sachverhalts. Zukunftsforscher Matthias Horx versteht unter Alarmismus „ein soziokulturelles Phänomen, bei dem Zukunftsängste epidemieartig in weiten Bevölkerungskreisen grassieren.“ Alarmismus wird manchmal bewusst als Werkzeug eingesetzt, um ein Ziel zu erreichen. Vor allem in der Politik, zur Erreichung von größerer Zustimmung für ein Vorhaben in der Bevölkerung – in dieser Form ist Alarmismus ein manipulatives Instrument. Aber auch in den Medien (Quote).
TIROLER WALD HEUTE
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  • Laut Tiroler Waldbericht 2013, wurde „im Jahr 2012 ein Rekord bei der Holznutzung in Tirols Wäldern erreicht. Die bis in die 1930er-Jahre zurückreichenden Daten der Gruppe Forst belegen, dass noch nie zuvor so viel Holz in den Tiroler Wäldern geerntet worden ist.“ Auf Probeflächen im Tiroler Schutzwald wird vom Land Tirol seit 1984 eine Inventur des Waldzustands durchgeführt. Für Tirol ist Wald in der Form Schutzwald ja besonders wichtig. Zuerst die gute Nachricht: Bei der Messung 2008 war nur ein Prozent der der Bäume abgestorben. Dennoch: 2008 war das Jahr mit dem schlechtesten Benadelungs-/Belaubungsgrad aller Beobachtungsjahre auf. 28 Prozent aller Bäume wurden als vollkommen benadelt, 38 Prozent als leicht verlichtet eingestuft. 34 Prozent aller Bäume waren als geschädigt zu bezeichnen. Davon wiesen 26 Prozent mittlere und sieben Prozent starke Kronenverlichtungen auf. Die Hauptgründe für Waldschäden laut Bericht sind extreme Witterungsbedingungen (Hitze, Trockenheit, Sturm), Schäden durch Krankheitserreger (Borkenkäfer, Pilze) und Luftverschmutzung.
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