Der Unbeugsame

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Quer- und Vordenker Heini Staudinger spricht im Zauberfuchs-Interview über die Finanz- und Bankenkrise, sein Crowdfunding-Modell, alternative Wirtschaftskonzepte und warum uns die Konsumsucht nicht glücklich macht

„Nichts ist bei uns höher mit Abgaben belastet als Arbeit. Im Umkehrschluss tut die Wirtschaft alles, um Arbeit einzusparen. Andererseits sind Finanztransaktionen weiterhin steuerfrei. Hier wird das Verkehrte belohnt und das ist ein Skandal.“
Heinrich Staudinger, Unternehmer
Der Unbeugsame
Der Unbeugsame
Der Unbeugsame
ZUR PERSON: HEINRICH STAUDINGER
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  • Jahrgang 1953, begann nach der Matura das Theologiestudium, entschied sich dann aber, mit dem Moped nach Afrika zu reisen. Mit dem Entschluss, Medizin zu studieren, um helfen zu können, kehrte er nach einem Dreivierteljahr nach Österreich zurück. Denn Leid sehen, und nicht helfen zu können, das sei das Schlimmste überhaupt.
  • Durch einen Freund wurde er auf besondere Schuhe (Earth Shoes) aufmerksam, die in Österreich damals nicht zu bekommen waren. Spontan beschloss er, Schuhhändler zu werden. Per Autostopp reiste er in die Firmenzentrale nach Dänemark und überzeugte die Firmenleitung, die Schuhe in Österreich zu vertreiben. Er bekam den Auftrag und Schuhe im Wert von 300.000,- Schilling. Das Geld dafür lieh er sich bei Familie und Freunden aus und eröffnete sein erstes Geschäft in Wien. Zwei Tage saß er dafür am Telefon. „Ich fand schon damals, das sei eine gute Methode.“ Vom Schuhgeschäft, so sagt er, hatte er keine Ahnung: „Aber ich hatte das Gefühl, endlich etwas zu machen, das ich kann.“
  • Es entstand das Unternehmen „GEA“, das Schuhe und Möbel vertreibt, sowie die Waldviertler Schuhwerkstatt.
DER KONFLIKT
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  • Bekannt war Heini Staudinger zwar schon vorher, richtig berühmt wurde er durch den öffentlichkeitswirksamen Konflikt mit der Finanzmarktaufsicht (FMA). Das kam so: Im Jahr 1999 hat ihm ein Bankdirektor den Kreditrahmen gekürzt. Daraufhin beschloss er, möglichst unabhängig – sprich schuldenfrei – zu werden. Dieses Ziel war 2003 erreicht. Staudinger fragte Verwandte und Freunde, ob sie in das Unternehmen investieren möchten und zahlte einen Zinssatz von etwa 4%. Das Projekt entwickelte sich zum Selbstläufer und die Firma konnte sich ungebremst entwickeln. Firmengebäude wurden gekauft, saniert, Mitarbeiter eingestellt und die größte Photovoltaikanlage im Waldviertel gebaut. Sie produziert doppelt so viel Strom, wie das Unternehmen verbraucht.
  • Im Jänner 2012 bekam Staudinger dann einen Brief der FMA, in dem ihm illegale Bankgeschäfte vorgeworfen wurden, was mit einer Strafe von bis zu 50.000,- Euro geahndet wird. Direktkredite gelten als Bankgeschäft. Staudinger gründete eine Bürgerinitiative, die die Freiheit der direkten Kreditgewährung fordert. Die Grenze für Prospektfreiheit wurde daraufhin heuer im Sommer vom Nationalrat von 100.000,- auf 250.000,- Euro angehoben. Für Staudinger ist das „Augenauswischerei“. Die EU gebe einen Rahmen von 5 Mio. Euro für Crowdfunding-Investitionen vor, der in sieben Staaten auch beansprucht werde. Im Falle von GEA geht es um rund 3 Mio. Euro.

„Wenn wir einen Hauch von Würde retten wollen, müssen wir die Grenzen ziehen“

Unternehmer Heini Staudinger gilt als streitbarer Quer- und Vordenker in der österreichischen Wirtschaft. Zum Aufgeben bringt ihn so schnell nichts. Auch nicht die Klage der Finanzmarktaufsicht (FMA), die ihm sein Finanzierungsmodell über Direktkredite (oder Crowdfunding) für sein im Waldviertel angesiedeltes Unternehmen „GEA“ abdrehen will. Der Typ im Anzug und mit gepflegtem Hochdeutsch ist er nicht. Er spricht die Dinge an, bringt sie auf den Punkt und provoziert und begeistert damit gleichermaßen.

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„Zauberfuchs“ traf Heini Staudinger in Schwaz und sprach mit ihm darüber, wie man auch mit einer arbeitskräfte-intensiven Branche wie der Schuherzeugung in Österreich erfolgreich wirtschaften kann, die Finanz- und Bankenkrise, sein Crowdfunding-Modell, alternative Wirtschaftskonzepte und warum uns die Konsumsucht nicht glücklich macht.

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Welche Grundkompetenzen muss ein Unternehmer heute mitbringen?

Meine unternehmerische Ausbildung war die Greißlerei meiner Eltern. Grüßen, Kopfrechnen und Bedienen, das haben wir Kinder hier sehr schnell gelernt und das sind nach wie vor die drei Säulen meiner Unternehmerschaft. Außerdem ein Spruch von Seneca: „Nie ist zu wenig, was genügt.“

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Sie sehen Bescheidenheit als wirtschaftliches Kriterium?

Als menschliches. Wir müssen alle an diesen Punkt kommen. Unser Konsumniveau ist mit dem Planeten nicht kompatibel. Verzicht tut nicht weh, er ist oft sogar befreiend. Ich habe mit der Waldviertler Schuhwerkstatt in den ersten 20 Jahren praktisch nichts verdient. Aber darum geht es nicht. Es geht um das gute Leben. Wenn wir schon die Welt zugrunde richten, dann sollten wir dabei zumindest Spaß haben. Haben wir aber nicht, denn der Überfluss lässt uns ermatten und der wahnwitzige Konsum macht uns nicht glücklich. Wenn wir dem nicht Einhalt gebieten, wird der Konsum zum Diktator und wir sind die Sklaven.

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Als Sie in das Schuhgeschäft eingestiegen sind, hatten Sie von der Branche keine Ahnung. Hatten Sie keine Angst, sich zu übernehmen?

Ich hatte das Gefühl, endlich etwas zu machen, das ich kann. Nichts lähmt und hindert mehr als die eigene Angst, sie schränkt enorm ein. Ganz in den Griff bekommen kann man das wahrscheinlich nie. Aber wir haben unseren wichtigsten Firmengrundsatz so formuliert: „Scheiß‘ di ned an“. Dazu kam noch Nummer zwei „Bitte sei ned so deppat“ und unlängst haben wir noch die Liebe ergänzt, damit ist das Paket gut abgerundet. Man trägt Verantwortung nicht nur für die eigene Sache, sondern für das größere Ganze.

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Kann sich ein Unternehmer eine solche Einstellung wirklich leisten?

Eigentlich muss er es sogar. Der Großteil der Schuhe wird heute in China gemacht und inzwischen lagern die Chinesen die Produktion nach Äthiopien aus. Dort kostet die Arbeit 10 Cent pro Stunde! Die Obszönität kennt keine Grenzen. Das Unrecht, das in den Produkten steckt, importieren wir mit diesen wieder zurück. Dafür sind wir verantwortlich. Wenn wir einen Hauch von Würde retten wollen, müssen wir die Grenzen selber ziehen.

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Heute sind Sie sehr erfolgreich, obwohl es personalintensive Branchen in Österreich nicht leicht haben. Viele Betriebe in der Textil- und Schuhindustrie mussten zusperren oder sind mit der Produktion in Billiglohnländer abgewandert. Wie schaffen Sie das Gegenteil?

Die Schuhindustrie ist eine „kaputte“ Branche. Eben weil sie arbeitsintensiv ist und nichts ist bei uns höher mit Abgaben belastet als Arbeit. Im Umkehrschluss tut die Wirtschaft alles, um Arbeit einzusparen. Andererseits sind Finanztransaktionen weiterhin steuerfrei. Hier wird das Verkehrte belohnt und das ist ein Skandal. Aber wie gesagt, auch wir hatten Probleme.

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Wie wurden diese gelöst?

Die teuersten Gagen waren jene der Werbefachleute. 1997 haben wir daher beschlossen, das selbst in die Hand zu nehmen. So entstand zuerst unser GEA-Album, dann auch noch unsere gesellschaftsphilosophische Zeitung „Brennstoff“, die neben der Werbung, die ohnehin alle nervt, auch Brennstoff für Herz und Seele liefern. Das ist sehr gut angekommen und hat sich schnell in den Verkaufszahlen gezeigt. Außerdem üben wir uns in kollektiver Bescheidenheit: Wir haben den niedrigsten Lohn mit 1000 Euro, den höchsten mit 2000 Euro netto festgelegt.

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Reich wird man bei Ihnen also nicht.

Vielleicht nicht in finanzieller Hinsicht. Bei uns gibt es aber einen besonderen Zusammenhalt, der auch mit unterschiedlichen Aktivtäten gelebt wird. Wir feiern einmal im Monat die Geburtstage, da singen wir und es gibt einen Gabentisch: Alle bringen von daheim Sachen mit, die sie nicht mehr brauchen, die aber anderen helfen. Wissen Sie, was mich wirklich zornig macht? Wenn ich einer alleinerziehenden Mutter bei mir im Unternehmen, die 1000 Euro im Monat verdient, 100 Euro mehr geben will, dann kostet mich das 131 Euro und bei der Mitarbeiterin

kommen 52 Euro an. Der Staat verwendet sein Geld lieber für Abfangjäger und Bankenrettung.

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Sie würden also die Steuern auf Arbeit senken. Wo sollte dann der Staat kräftiger zulangen?

Eine Finanztransaktionssteuer ist längst überfällig. Das würde auch zu einer Verlangsamung bei Finanzgeschäften führen und das halte ich für höchst wünschenswert. Zudem sollte Energie, die aus ökologisch bedenklichen Ressourcen gewonnen wird, wie zum Beispiel fossile Energie oder Atomenergie, höher besteuert werden.

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Produzieren Sie nur in Österreich?

Wir kooperieren zum Teil mit Ungarn und Tschechien, sonst könnten wir keinen konkurrenzfähigen Preis erzielen. Ein Paar Waldviertler kostet ca. 150 Euro. Unser Ansatz ist es, viel Qualität in die Schuhe zu stecken, damit sie diesen Preis wert sind. Würden wir nur in Österreich produzieren, müssten die Schuhe mindestens 200 Euro kosten. Das Problem ist aber, dass der normale Konsument nicht mehr spürt/spüren kann, was ein Paar Schuhe kosten müsste, würden in dem Schuh die Löhne stecken, die er sich selber wünscht.

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Stichwort Finanzmarktaufsicht. Sie wurden verklagt, weil Sie angeblich illegale Bankgeschäfte betreiben. Wie ist der Stand der Dinge?

Die Geschichte schlummert derzeit beim Verwaltungsgerichtshof. Mir ist es wurscht, wie die entscheiden, ich werde jedenfalls keine Strafe zahlen, eher lasse ich mich einsperren.

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Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Nein! Ganz im Gegenteil. Mir fehlt jedes Unrechtsbewusstsein. Ich kann niemanden zwingen, uns Geld zu borgen. Unsere Freunde, Kunden und MitarbeiterInnen haben uns insgesamt drei Millionen Euro geborgt. Wir haben ein vertrauensvolles Verhältnis zu unseren Investoren. Kein Mensch hat Geld verloren, alle sind zufrieden. Mir erscheint das als sinnvolle Finanzierungsvariante. Diese Möglichkeit kann/soll für alle ein gangbarer Weg werden. Sehr viele der Klein- und Mittelbetriebe in der EU könnten ohne die Hilfe von Freunden und Verwandten nicht leben, weil sie von den Banken kaum Kredite bekommen, die sie zur Entwicklung ihrer Unternehmen brauchen. Uns ist es gelungen, in der sogenannten „Krisenregion“ Waldviertel 160 Arbeitsplätze zu schaffen und unseren Umsatz von 2008 bis heute zu verdreifachen. Das System der Banken wirkt krisenverschärfend, unseres hingegen wirkt heilend.

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Sie sehen ihr Finanzierungsmodell also nicht als persönliches Einzelbeispiel sondern als mögliche Gesamtlösung?

Finanz- und Bankenkrise, Rettungsschirme und Co. haben das Vertrauen erschüttert. GEA entwickelte sich von da an steil nach oben. Das Vertrauen und die Sympathie für die regionale Wirtschaft stiegen. Uns wurde mehr Geld angeboten, als wir einsetzen konnten. Oft mussten wir es ablehnen. Viele Menschen wollen ihr Geld nicht mehr den Banken geben, sondern es in ihrer Umgebung sinnvoll investieren. Davon bin ich überzeugt. In der Finanzkrise und bei den Bankenpleiten wurden Milliarden verloren und offenbar hat sie keiner gesucht. Dafür wäre die FMA doch zuständig.

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Während es aber bei Spareinlagen in Banken bis zu 100.000 Euro eine staatliche Einlagensicherung gibt, haben die Menschen, die Ihnen Geld leihen, keinerlei Sicherheiten.

Warum sollte es nicht auch für Direktkredite an einheimische Unternehmen eine partielle staatliche Einlagensicherung geben?

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Das würde aber wohl wieder viel bürokratischen Aufwand für die Überprüfung der finanzierten Projekte schaffen.

Dann eben eine 50prozentige Sicherung, dann setzen die Leute ihren Hausverstand ein. So wissen sie, was mit ihrem Geld passiert und können es in vertrauensvolle Firmen und lebensbejahende Projekte investieren.

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Ist Ihr rebellisches Aufbegehren eine Systemkritik?

Wir sind hier nicht mit einer kleinen Krise konfrontiert, die bald vorbei geht. Das ganze System wankt. In so einer Situation sind wir doch darauf angewiesen, dass Leute etwas ausprobieren. Aus dieser Laborsituation können wir etwas lernen. Rilke beschreibt die große Sehnsucht nach den ungelebten Dingen. Ich versuche, möglichst viel davon zu leben.

Das Gespräch führte  Julia Hitthaler
Fotos: Hitthaler