QR-Codes auf Grabsteinen

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Per QR-Code mehr erfahren | In der digitalen Welt ist mittlerweile eine große Vielfalt an neuer Trauer- und Erinnerungskultur entstanden

Verwendung von QR-Codes auf Grabsteinen – neuer Trend am Friedhof?

Im öffentlichen Leben sind sie alltäglich geworden – die schwarzweißen Muster der QR-Codes (QR steht für Quick Response, übersetzt schnelle Antwort bzw. Reaktion). Sie bringen uns via Smartphone auf dem Weg des Scannens zu speziellen Links im Internet. Das geht schnell und ist praktisch. Zuerst waren es meist kommerzielle Angebote gewesen. Inzwischen dienen sie auch allgemeiner Information. So greifen beispielsweise Museen in ihren Ausstellungen auf QR-Codes zurück. Auf historischen Schauplätzen im öffentlichen Raum werden Erläuterungstafeln mit ihnen versehen.

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Dennoch: QR-Codes auf Grabsteinen erscheinen uns auf den ersten Blick als fremd, ja pietätlos – zu sehr erinnern sie an die schöne bunte Welt der Werbeplakate. Überhaupt wirken Friedhof und Internet, Grabstein und Google nicht kompatibel. Die Kreativität des digitalen Zeitalters ist am Friedhof bisher weitgehend vorbeigegangen.

Aber warum eigentlich? Abseits des Friedhofes nämlich hat die digitale Welt auch Bestattung und Trauer längst erobert. Auf digitalen Netzwerken wie Facebook wird intensiv getrauert, vor allem nach dem Tod von Jugendlichen. Oft hält der Austausch von Botschaften, Bildern und Bytes monate- oder gar jahrelang an. Individuelle Online-Gedenkseiten blühen auf. Hier wird eine neue, digitale Erinnerungskultur kreiert. Auch in den Fachzeitschriften ist dieses Thema angekommen: „Friedhofskultur“ und „Friedhof und Denkmal“ brachten unlängst Themenheften zur digitalen Trauer heraus.

Dies zeigt vor allem eines: In der digitalen Welt ist mittlerweile eine große Vielfalt an neuer Trauer- und Erinnerungskultur entstanden. Privatheit und Öffentlichkeit werden hier in eine neue Beziehung zueinander setzt, die den Friedhof – bisher wichtigster Ort von Bestattung und Trauerkultur – weit hinter sich lässt. Manche Online-Einträge und Gedenkseiten umfassen ganze Lebensgeschichten, persönliche Dokumente wie Tagebuchaufzeichnungen, Fotos, Videos, Musik und andere Erinnerungsstücke. Die Gründe fürs digitale Trauern und Erinnern hängen mit den Lebenswelten der mobilen Gesellschaft zusammen. Die verschiedenen Generationen leben nicht mehr am selben Ort, häufig liegen weite Distanzen zwischen Grabstätte einerseits, Wohnort der Hinterbliebenen andererseits. Das klassische

Familiengrab auf dem Friedhof, wie wir es aus früheren Zeiten kennen, setzte aber Grabbesuch und Grabpflege voraus – im Idealfall von der vor Ort lebenden nächsten Generation.

Umgekehrt kann natürlich in der digitalen Welt nicht bestattet werden. Der beerdigte Leichnam gehört schon aus hygienischen Gründen auf einen Friedhof, deswegen hat man ja Friedhöfe überhaupt angelegt. Beim Online-Gedenken hingegen spielt der tote Körper keinerlei Rolle – es bleibt ohne Bedeutung, wo die eigentliche Bestattung geschah.

Damit sind wir wieder beim QR-Code. Er ist geeignet, die Verbindung zwischen Online-Gedenken und tatsächlichem Bestattungsort herzustellen. Der QR-Code ist ein Weg, die verschiedenen Welten miteinander zu versöhnen: hier die physische Bestattung, dort die Verbindung ins digitale Zeitalter. Dies scheint auch aus anderem Grund von Bedeutung: Jene Generation, die mit Internet und Smartphone aufgewachsen ist, wird in der näheren Zukunft mit dem Thema estattung konfrontiert werden – spätestens dann, wenn die eigenen Eltern versterben. Sie wird fragen, was möglich ist und Angebote erwarten, die ihrer Lebenswelt entsprechen. Hier ist Kreativität gefragt, und QR-Codes auf Grabsteinen scheinen eine Alternative, um die Generationen auch im Tod zu verbinden. Voraussetzung ist sicherlich, dass mit dem Smartphone-Scan kein Kommerz betrieben wird und auch keine anderen privaten Eigeninteressen verfolgt werden. Wenn dies technisch möglich ist, bietet der nur scheinbar so altmodische Grabstein ein ganz neues Potenzial für eine neue Trauer- und Erinnerungskultur im digitalen Zeitalter.

Prof. Dr. Norbert Fischer (Universität Hamburg)
In Zusammenarbeit mit Aspetos.at
Foto: Shutterstock/Rangizzz