Die geformte Trauer

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Diskrepanz zwischen dem, was man fühlt, und dem, was man fühlen sollte | Trauer ist nicht nur ein individueller Prozess eines Betroffenen, sondern wird ganz wesentlich von sozialen Normen und Konventionen beeinflusst

Die geformte Trauer – Unpassende Gedanken: Sind unsere Gefühle echt?

Wer sich bei einer Trauerfeier schon mal das Lachen verkneifen hat müssen, kennt das Problem mit den unpassenden Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen im Ansatz. Im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität Zürich führten Nina Jakoby, Julia Haslinger und Christina Gross im Frühjahr 2013 eine Online-Befragung in Österreich, Deutschland und der Schweiz durch.

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Der Fragebogen richtete sich an Personen, die einen Todesfall erlebt hatten: Knapp ein Drittel der Befragten stellte eine Diskrepanz zwischen dem, was man fühlt, und dem, was man fühlen sollte, an sich fest. Gleichzeitig wird Trauer als etwas Intimes beschrieben, das man in der Öffentlichkeit lieber zurückhält und kontrolliert. Einerseits weil Tränen und öffentlich gezeigte Trauer als Schwächen gewertet werden und mit Schamgefühlen verbunden sind, andererseits weil man anderen durch die eigene Trauer keine zusätzliche Belastung sein will. Diese eigenen Gefühle kontrollieren zu müssen, wurde von über der Hälfte als Belastung und Druck erlebt (Vgl.Jakoby/Haslinger/Gross 2013)

Trauer ist nicht nur ein individueller Prozess eines Betroffenen, sondern wird ganz wesentlich von sozialen Normen und Konventionen beeinflusst und geprägt. Und dieser Einfluss ist viel größer als wir denken. Wie wir uns im Trauerfall verhalten und auch was wir fühlen oder nicht, darin sind wir vielleicht weniger frei als wir glauben.

Trauer wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein als ein öffentliches Ritual beschrieben und zelebriert, wobei vor allem das Trauerverhalten streng normiert war. Will man Trauer historisch beleuchten, fällt vor allem auf, dass man im Grunde nichts darüber sagen kann, wie sich trauernde Menschen früher tatsächlich gefühlt haben, da Trauer als Durchführung von bestimmten verbindlichen Traditionen und Ritualen verstanden wurde. Es war genau festgelegt, welche Termine, Rituale und Verhaltensweisen wann eingehalten werden mussten. Diese Äußerlichkeiten und nicht zuletzt auch die Trauerkleidung waren über die Trauer hinaus auch an den Status von Personen und Familien gebunden, sodass Trauerzeiten auch immer gleichzeitig die Funktion hatten, den eigenen Status zu demonstrieren. Zwischen dem tatsächlichen inneren Erleben des Einzelnen und dem sozial vorgeschriebenen Ausdruck kann also aus heutiger Sicht nicht unterschieden werden, da Trauer vor Sigmund Freud nicht als innerer Prozess beschrieben wurde. (Jakoby/Haslinger/Gross 2013, S. 254ff)

Heute beziehen sich Trauernormen vergleichsweise viel weniger auf das Verhalten und die Durchführung von bestimmten allgemeingültigen sozialen und kulturellen Praktiken oder Ritualen, sondern vielmehr auch auf die Trauergefühle und das Trauererleben des Einzelnen. Die Psychologie sagt uns, was wir als Trauernde fühlen sollen und ab wann der Prozess pathologisch zu entgleisen droht. (Vgl. Ebd.)

Dieser Wandel in der Trauerkultur unserer westlichen Welt ist geprägt von den Werten und Entwicklungen der Moderne: Rationalisierung, Säkularisierung, Individualisierung, aber auch Urbanisierung und Industrialisierung haben das Leben der Menschen nachhaltig verändert und wirken immer noch. (Ebd. S. 264f) Traditionelle Trauerfeiern nach streng katholischem oder evangelischem Ritus werden eindeutig weniger. Sie werden immer mehr ersetzt durch alternativ weltliche, spirituelle oder esoterische Angebote. Auch eine Tendenz weg von der Inszenierung großer öffentlicher Feiern hin zu kleinen Feiern im engsten Kreis ist zu beobachten. Allgemein vollzog sich eine Verlagerung der Trauer aus der Öffentlichkeit ins Privatleben, darüber hinaus wurde Trauer psychologisiert, das heißt, Trauerbewältigung wurde vor allem seit Sigmund Freud als psychologischer Prozess interessant und auch beschrieben.

„Die Trauerpsychologie“ gibt es aber auch nicht, es gibt verschiedene Modelle, die sich im vergangenen Jahrhundert verändert haben und es gibt verschiedene Zugänge, Ansichten, Schwerpunkte, Schulen. Das verbreitete trauerpsychologische Laienwissen hinkt den neueren Erkenntnissen auch zum Teil Jahrzehnte hinterher.

In der Begleitung von Betroffenen stelle ich eine große Verunsicherung fest: Auch wenn trauerpsychologisch das Erleben des Einzelnen von primärer Wichtigkeit ist, werden Betroffene immer noch durch althergebrachte Normen, Konventionen und von daraus abgeleiteten gesellschaftlichen Forderungen verunsichert. Die Frage nach dem angemessenen Verhalten im Trauerfall spielt nach wie vor eine große Rolle und führt bei vielen Betroffenen zu Konflikten zwischen ihrem Erleben, ihren Bedürfnissen und der Vorstellung von dem, was erlaubt beziehungsweise angemessen ist oder nicht.

Der Rückgang von vertrauten verbindlichen Riten und das Verschwinden von klaren Verhaltensregeln führt außerdem dazu, dass einzelne Betroffene ganz persönliche Trauernormen entwickeln, die den anderen Familienmitgliedern und Freunden nicht bekannt sind und auch nicht geteilt werden können. Entweder verlangen die Familienmitglieder noch nach althergebrachten Normen – wie zum Beispiel der Einhaltung des Trauerjahrs – oder aber sie haben ihre eigenen privaten Normen entwickelt, welche oft nichts mit den Normen der anderen zu tun haben. Unterschiedliche Bewältigungsstrategien und unterschiedliche Ausdrucksformen der Trauer führen dann sehr häufig zu familiären Konflikten und zur Auflösung von Freundschaften und des Familienverbandes als Auffangnetze.

Die Soziologin Arlie Hochschild hat in den vergangenen Jahrzehnten den Begriff der „Gefühlsarbeit“ geprägt: Unser Erleben und Verhalten wird durch Gefühlsnormen und Ausdrucksnormen beeinflusst.

Diese Normen geben dem Einzelnen vor, was er zu fühlen hat und wie er seine Gefühle auszudrücken hat. Die Gefühlsnormen geben an, ob das Gefühl positiv oder negativ zu sein hat und wie stark das angemessene Gefühl sein darf beziehungsweise wie stark es zum Ausdruck gebracht werden darf. Nach der Geburt eines Kindes soll man etwa Glück und Freude empfinden, nach dem Tod eines Menschen Trauer. Die Stärke einer Emotion und deren Ausdruck sollen auch von der Enge der Beziehung abhängig sein. Gerade im Trauerfall sind wir mit einem Set von Normen konfrontiert, die vorgeben, wer, wann, wo, für wen und wie lange trauern darf. Wenn also ein Kind oder ein Ehepartner stirbt, darf die Trauer stark sein und länger andauern. Trauere ich um den Verlust meines Haustieres mehr als um den Verlust von Ehemann oder Kind, empfinde und handle ich wider die Trauernorm. Empfinde ich nach der Geburt eines Kindes weder Freude noch Glück, stimmt etwas nicht. Kurz: Wenn Gefühle nicht den gegebenen Normen entsprechen, werden sie schnell als pathologisch eingestuft.

Verstöße gegen Trauernormen sind:
• Wenn bei enger Beziehung zum Verstorbenen keine Trauer empfunden wird

• Wenn Trauer zu stark empfunden wird
• Wenn Trauer zum falschen Zeitpunkt auftritt
• Wenn Trauer am falschen Ort auftritt: Trauer darf bei Beerdigungen, auf Friedhöfen und privat zu Hause empfunden werden, am Arbeitsplatz oder in der Schule wird Trauer unterdrückt beziehungsweise Mitarbeiter oder Mitschüler werden durch den Ausdruck von Trauer stark verunsichert. (Vgl. Hochschild 2006, S. 80ff)

Es ist sicher kein Zufall, dass diese Auflistung von Arlie Hochschild auch den Formen der pathologischen Trauer nach William Worden sehr ähnlich ist.

Von entrechteter Trauer spricht man dann, wenn Personen ihre Trauer nicht öffentlich ausdrücken dürfen, weil ihre Trauer als „nicht legitim“ empfunden wird: Diese Personen erhalten als Trauernde keine Anerkennung und auch keine soziale Unterstützung: „Die Geliebte des Ehemannes“, die neben der Ehefrau kein Recht auf Abschied hat und auch kein Recht hat, bei der Trauerfeier offiziell als Geliebte aufzutreten. Außereheliche Kinder stehen oft vor demselben Problem: Auch wenn sie dem Erbrecht nach den ehelichen Kindern gleichgestellt sind, in ihrer Trauer sind sie es nicht.(Vgl. Jakoby/Haslinger/Gross S. 262)

Von „Gefühlsarbeit“ spricht Arlie Hochschild dann, wenn es eine Diskrepanz zwischen dem tatsächlich empfundenen Gefühl und der Gefühlsnorm gibt und wenn Menschen beginnen ihre tatsächlich empfundenen Gefühle zu verleugnen, sich den Normen entsprechend zu verhalten und ihre Gefühle entsprechend umzuformen beziehungsweise zu regulieren.

Passe ich lediglich mein Verhalten und meinen Ausdruck den vorgegebenen Normen an, ist die geleistete Gefühlsarbeit zwar anstrengend, bleibt aber oberflächlich, zum Beispiel, wenn ich mich bemühe, bei einer Beerdigung ernst und traurig zu sein, obwohl ich eigentlich laut loslachen könnte. Problematischer und auch pathologischer wird es, wenn ich versuche, die tatsächlich empfundenen Gefühle zu leugnen und anders zu fühlen.
Dass wir unser Verhalten immer wieder gesellschaftlichen und situativen Normen und Konventionen anpassen müssen, lässt sich nicht vermeiden und ist bis zu einem gewissen Grad sogar eine Voraussetzung für ein funktionierendes Miteinander. Wenn aber Emotionen und Bedürfnisse auf der tiefen Ebene des Empfindens verleugnet und umgeformt werden, findet eine Deformation der Persönlichkeit statt, die auf Dauer nicht gesund sein kann.

Wenn man bedenkt, wieviel Altlast an historischen Normen wir mit uns herumschleppen, stellt sich natürlich auch über die Trauerpsychologie hinaus die Frage, ob wir jemals wirklich empfinden, was wir empfinden.

Moderne Trauernormen orientieren sich also an psychologischen Modellen, die vorgeben, wann Trauer normal und wann als pathologisch einzustufen ist. Zwar ist es in Fachkreisen längst klar, dass trauerpsychologische Phasenmodelle nicht starr und linear verstanden werden dürfen, sondern als ein Wechseln von Zuständen, Gefühlen und Themen, und dass die Grenze zwischen pathologisch und normal sehr fließend sein kann. Die gesellschaftlich verbreiteten Trauernormen orientieren sich aber immer noch am Mythos, dass die Zeit alle Wunden heilt, und an der rigiden Lesart der Modelle, welche die Ablösung vom Verstorbenen und das möglichst baldige Wieder-Funktionieren des Betroffenen zum Ziel haben. Das heißt, der trauernde Laie ist einerseits immer um ein paar Jahrzehnte den neuesten Erkenntnissen hinterher, andererseits wirken die neuen Normen schon auf ihn ein.

Produktivität, Wettbewerb, Konsum, Funktionalität, Effizient und Rationalität sind Werte der Moderne, die bis in die heutige Zeit unser Leben und auch die Trauernormen nachhaltig beeinflussen: Wer richtig trauert, ist schneller damit fertig und wieder voll funktionsfähig. Und das ist wichtig, denn Trauer ist ein Schwächezustand, der nicht zu den immer noch wirksamen Werten der Moderne passt.

Dem entgegen steht der neuere Diskurs, in dem genau diese Werte kritisiert und in Frage gestellt werden: Selbstbestimmung im Fühlen, Wahlfreiheit und Kreativität sind „postmoderne“ Werte, die sich der Rationalität und Funktionalität entgegenstellen.

In der jüngsten Vergangenheit verlagert sich Trauer durch die neuen Medien und sozialen Online-Netzwerke wieder mehr nach außen. Man kann von einer „neuen Öffentlichkeit“ sprechen: Diese ist individuell, virtuell, interaktiv, zeitlich und örtlich unbegrenzt, sie ist privat, individuell und öffentlich gleichzeitig. Entgegen der Annahme, dass Trauerbewältigung mit dem Loslassen des Verstorbenen zu tun hat, steht in der postmodernen Trauerpsychologie die Verbindung zum Verstorbenen durch die Erinnerung an ihn im Vordergrund (Vgl. Jakoby/Haslinger/Gross S. 265f:): Für den Fall, dass es eventuell doch kein Leben nach dem Tod gibt oder dieses nicht den christlichen Vorstellungen entspricht, lebt der Verstorbene dennoch weiter – und zwar in unserer Erinnerung. Die fortlaufende Präsenz des Verstorbenen durch virtuelle Gedenkseiten kommt dem neuen Trauerverständnis hier sehr entgegen.

Im postmodernen Trauerverständnis werden althergebrachte Trauernormen gelockert und aufgeweicht: Bewältigungsstrategien, Ausdruck, Verhalten, Gefühle der Trauer und die Dauer von Trauerbewältigung sind viel weniger stark normiert und weniger klar definiert. Dadurch wird Trauer heute eindeutig freier und auch dynamischer beschrieben. Gleichzeitig stehen Trauernde dennoch unter dem Druck schnell wieder leistungsfähig zu werden, um beruflich und sozial den Anschluss nicht zu verlieren. Ein weiteres Phänomen unserer Zeit ist das Streben nach Selbstoptimierung: Wir fühlen uns nämlich verpflichtet, schöner, erfolgreicher und glücklicher zu werden(Vgl. Ebd. S. 266). Glücksforschung ist seit ein paar Jahren ein neuer Trend, der natürlich auch wieder Normen erzeugt, die der Trauer nicht wirklich mehr Raum und Akzeptanz verschaffen.

Insgesamt kann man zusammenfassen, dass Wertfreiheit und Pluralismus vielen Strömungen Platz machen, dass Normen dadurch weniger starr und rigide sind, dass aber an die Stelle weniger strenger Normen viele einander zum Teil widersprechende Normen treten. Widersprüchlichen und sich dauernd ändernden Normen zu entsprechen, ist am Ende wahrscheinlich auch nicht ungesünder als das Befolgen von ein paar wenigen kohärenten Normen, die dafür streng einzuhalten sind.

Dr. Christine Pernlochner-Kügler
In Zusammenarbeit mit Aspetos.at

Quellen:
• Nina Jakoby/Julia Haslinger/Christina Gross:Trauernormen. Historische und gegenwärtige Perspektiven. In: SWS Rundschau, Heft 3/2013: Tod und Trauer, S. 253-274.
• Arlie Russell Hochschild: Das gekaufte Herz. Die Kommerzialisierung der Gefühle. Neue, erweiterte Auflage. Campus, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-593-38012-4, DNB 977705935.

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