Alles wird gut. Oder auch nicht.

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Bernhard Aichner, Thomas Raab und Joe Fischler erzählen neue Geschichten von ihren Krimihelden Max Broll, Willibald Adrian Metzger und Valerie Mauser

Bernhard Aichners „Totenrausch“:
Alles wird gut. Oder auch nicht.

Mit „Totenrausch“ präsentiert Bernhard Aichner sich und seine Heldin Blum in Höchstform. Atemholen zwischendurch? Fehlanzeige!

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Dass die „Zeit im Bild“-Redaktion das Erscheinen eines neuen Buches, eines Krimis österreichischer Provenienz zumal, zum Anlass nimmt, dem Autor und seinem Werk einen äußerst wohlwollenden Beitrag zur besten ZiB1“-Sendezeit zu widmen, passiert nun wirklich nicht alle Tage. Bernhard Aichner ist das mit „Totenrausch“ gelungen — ein winziges Mosaiksteinchen nur, aber es steht für das große Ganze einer außerordentlichen Erfolgsgeschichte, die den 1972 geborenen Tiroler zwischen Korea und den USA, Australien und Norwegen zu einem gefeierten Bestseller-Autor gemacht hat.

Bernhard Aichner beschließt mit „Totenrausch“ seine wahnwitzige Thriller-Trilogie über die Innsbrucker Bestatterin Brünhilde Blum. Man könnte auch sagen: Er macht Blum fertig. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Ob sich die eingangs als Prolog-Titel aufgestellte Behauptung „Alles wird gut“ letztlich bewahrheiten oder doch bloß als verzweifelt, aber vergeblich wiederholtes Mantra erweisen wird, wissen wir knackige 480 Seiten und ein paar ausgesprochen kurzweilige Lesestunden später, die wir mit Blum großteils in Hamburg verbracht haben.

„Totenrausch“ endet da, wo „Totenfrau“, der erste Band der Trilogie einst begonnen hat: auf einem Segelboot irgendwo vor der kroatischen Insel Dugi Otok, mit einer Frau, die sich an Deck in der Sonne räkelt. Neben einigen anderen nicht ganz unwesentlichen Unterschieden zu der Szene von vor ein paar Jahren sticht ins Auge, dass die Frau diesmal nackt ist. Schutzlos? Eher nicht. Befreit von allerlei Zwängen? Garantiert! Die Amateurpsychologin konstatiert: Die „Totenfrau“, „-haus“, -„-rausch“-Trilogie ist — zumindest auch — als Entwicklungsgeschichte einer Frau zu lesen, die in ihrem Leben nichts ausgelassen hat, um ganze Heerscharen von üblen Dämonen loszuwerden. Nicht die niedersten Instinkte und nicht die höchsten Gefühle, weder eiskalte Rache mit veritablen psychopathologischen Untertönen,noch glühend heiße, selbstlose Liebe.

Mehr als ein Dutzend Leichen pflastert Blums Weg

am Ende des dritten Buches. Nicht alle Menschen hat sie selbst vom Leben zum Tod befördert, nicht alle sind einem mörderischen Vorsatz zum Opfer gefallen, da waren immer und sind auch in „Totenrausch“ ein paar mehr oder minder praktische Unfälle dabei. Natürlich geht die routinierte Leserin schon beim Aufschlagen von „Totenrausch“ davon aus, dass Aichner zwar auch Blum wieder das eine oder andere Mal selbst an den Rand des Todes bringen, aber eben nicht sterben lassen wird. Dass der Autor oder jedenfalls sein marketingbewusster, gewiss für alle künftigen Wiederaufnahme-Optionen offener Verlag die ultimativ radikale Konsequenz gescheut haben müssen, Blum umzubringen, um ihre Geschichte ein für allemal zu beenden. Dennoch entwickelt „Totenrausch“ von der ersten Seite an einen Spannungssog, der es einem tatsächlich schwer macht, das Buch für ein paar Stunden Nachtschlaf oder auch nur eine Pinkelpause zur Seite zu legen.

Bernhard Aichner jagt seine Protagonistin mit spürbarer Schreiblust von einem bizarr kreativen Todesfall zum nächsten, lässt Blum nicht nur in die tiefsten menschlichen Abgründe schauen, sondern stürzt sie ohne mit der Wimper zu zucken hinein. Und — das ist vielleicht eines der Geheimnisse von Aichners Erfolg — er schafft es, die gefährlich durchgeknallte Rachegöttin und die hingebungsvolle Mutter zweier Kinder als eine in sich letztlich doch stimmige Person zu präsentieren.

Wird am Ende alles gut? Nun ja, sagen wir es so: Darauf langfristig zu vertrauen, zeugte von einer doch stark übertriebenen Naivität. Bei Blum. Und bei ihren zahllosen Fans in aller Welt.

Über das Buch: Bernhard Aichner: „Totenrausch“. btb Verlag, München 2017, Hardcover, 480 Seiten, 20,60 Euro. Parallel zum gedruckten Buch ist das von Wolfram Koch gelesene Hörbuch erschienen (22,50 Euro).

Von  Irene Heisz

Alles wird gut. Oder auch nicht.
Fotos: Fotowerk/Ursula Aichner