Probleme bei Zeugniserstellung

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Serverprobleme bei der zentralen Erfassung der Schulnoten | Sorge vor Hackern, die online Schulnoten ausbessern könnten, wie in einem aktuellen Fall in den USA

Pilotversuch verursachte massive Probleme bei Zeugniserstellung in Tirol

Der zweite Freitag im Februar ist Zeugnistag in Tirol. Dass auch diesmal alle 82.000 Schülerinnen und Schüler ihre korrekt ausgefüllten Schulnachrichten in der Hand halten und in die Semesterferien stürmen können, war nicht selbstverständlich. Die Zeiten, in denen Klassenvorstände in ihrer Sonntagsschrift „Sehr gut“ oder „Nicht genügend“ in die dafür vorgesehenen Kästchen auf dem Zeugnisformular malten, sind sowieso längst vorbei. Seit diesem Schuljahr aber werden in Tirol als erstem Bundesland flächendeckend in allen Schultypen Zeugnisse mit dem Schulverwaltungssystem Sokrates Web erstellt. Das hat nicht so funktioniert, wie es sollte.

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Stefan Einackerer vom Landesschulrat für Tirol dürfte ein paar sehr lange Arbeitstage hinter sich haben, klingt am Donnerstag zu Mittag aber insgesamt zufrieden: „Ich gehe davon aus, dass mittlerweile alle Noten eingetragen sind und die Zeugnisse in diesen Stunden ausgedruckt werden.“ Einackerer ist der Mann für alle EDV-Angelegenheiten im Landesschulrat und damit häufig auch Anlaufstelle für Administratorinnen und Administratoren, Lehrerinnen und Lehrer von Schulen, die in Sokrates Web (noch) nicht der Weisheit letzten Schluss erkennen. Entweder weil sie selbst Fehler machen, oder weil sie mit technischen Problemen zu kämpfen haben, die nicht auf mangelhafte Benutzerfähigkeiten zurückzuführen sind. „Sokrates ist in den letzten Tagen sehr schlecht gelaufen“, berichtet ein Lehrer an einer Höheren Technischen Lehranstalt in Innsbruck. „Einige Male sind die Server komplett gestanden.“

Ähnliches berichten Direktorinnen und Direktoren aus anderen Tiroler Schulen. Margret Fessler, Direktorin des Innsbrucker Gymnasiums in der Au, sagt: „Unser Administrator hält das Programm an sich für gut. Es gab aber große Serverprobleme. Unsere Lehrerinnen und Lehrer saßen sehr lange vor den PCs und es kam des Öfteren vor, dass sie Daten mehrfach eingeben mussten.“ Max Gnigler, Direktor des Reithmann-Gymnasiums, hat ein deutliches Wort für die Vorgänge: „Unprofessionell!“ Der Leiter des größten Tiroler Gymnasiums in Tirol verordnet sich dennoch Zweckoptimismus: „Ich vermag es noch nicht wirklich zu beurteilen, aber ich hoffe doch sehr, dass Sokrates Web uns die extrem komplexe Verwaltung unserer modularen Oberstufe erleichtern wird. Wenn es denn einmal einwandfrei läuft.“

Weniger konziliant zeigt sich Karl Digruber, Direktor des BRG Imst und AHS-Gewerkschafter. In einem Rundmail an seine Direktorenkolleginnen und -kollegen teilt er am Donnerstag mit: „Wenn wir, so meine ich, schon in Tirol die Implementierung des Programms Sokrates jetzt im ersten Semester vornehmen und damit ein Pilot-Bundesland sind, dann sollte dieses Werkzeug auch funktionieren. Ich habe mich darauf seitens der AHS-Gewerkschaft in dieser Sache an die zuständige Amtsführende Präsidentin (des Landesschulrates, Anm.) Dr. Beate Palfrader gewandt und sie hat mir zugesichert, diesen Fall zu untersuchen und Schritte zur Verbesserung der Situation einzuleiten.

Die Probleme sind auch bei bit Media e-Learning, die Sokrates Web entwickelt, verkauft und betreut, nicht unbemerkt geblieben. Die Geschäftsführung der Firma in Graz betont in einer schriftlichen Entschuldigung, dass ihre Serversysteme zwar „grundsätzlich ausreichend mit Ressourcen (Serveranzahl, Rechenleistung, Speicher) sowie Bandbreite ausgestattet“ und „auf die Anzahl der Schulen bzw. auf die zu erwartenden Zugriffe dimensioniert sind“. Dennoch sei „die tatsächliche Beanspruchung weit über unseren Erwartungen“ und der Kapazität der „bisherigen Konfiguration der Serversysteme“ gelegen. Das „Zusammenspiel der Systeme (Webserver/Applikationsserver/Datenbankserver)“ habe „die kritischen Engpässe produziert“, das Problem sei allerdings kurzfristig behoben worden.

Bit Media e-Learning ist seit Jahren Marktführer auf dem Gebiet der Schulverwaltungs-IT in Österreich und hat 2013 gegen zwei Mitbewerber eine Ausschreibung der Bundes für eine webbasierte Schulverwaltungs-Software als Bestbieter gewonnen. Für Stefan Einackerer vom Tiroler Landesschulrat eine durchaus zufriedenstellende Lösung: „Unsere Pflichtschulen haben schon 2004/05 mit dem Einsatz von Sokrates begonnen, seit dem Schuljahr 2006/07 werden auch Zeugnisse damit erstellt.

An den mittleren und höheren Schulen waren jahrelang unterschiedliche Systeme im Einsatz. Das war in der Wartung und in der Schulung sehr schwierig.“ An den Berufsbildenden Mittleren und Höheren Schulen Tirols ist Sokrates Web seit dem Schuljahr 2012/13 im Einsatz; an den Allgemeinbildenden Höheren Schulen hat im November 2013 die Umstellung begonnen, die Schulnachrichten 2014 sind die ersten, die an allen Tiroler Schulen mittels Sokrates erstellt wurden. Eine kleine Ausnahme bilden einzelne Privatschulen, die erst im kommenden Sommersemester umstellen wollen. Österreichweit verpflichtend ist der Einsatz von Sokrates ab dem Schuljahr 2014/15.

Für Einackerer liegen die Vorteile eines zentralen Systems auf der Hand: In der Vereinheitlichung von Wartungs- und Schulungserfordernissen liegt ein wirtschaftlicher Vorteil. Und an den Schnittstellen zwischen den Schultypen – etwa zwischen der 4. und 5. bzw. der 8. und 9. Schulstufe – entfällt die Mehrfacherfassung

von Schülerstammdaten. Der wesentliche Punkt für Einackerer ist jedoch, dass die ständige Weiterentwicklung eines Systems besser koordinierbar und Erweiterungswünsche einzelner Schultypen und Schulen einfacher zu berücksichtigen sind. Nicht nur verschiedene Schultypen unterscheiden sich erheblich in Lehr- und Stundenplänen, sondern auch einzelne Schulen innerhalb eines Schultyps, zum Beispiel in der Gestaltung der Oberstufe (modulares oder klassisches System) in den AHS. Dazu kommt die Eigenheit des Schulbetriebs, dass bestimmte Aufgaben – wie eben Zeugnisse auszustellen – nur ein- bis zweimal im Jahr anfallen. Das alles muss in Sokrates abbildbar und so verwertbar sein, dass am Ende korrekte Zeugnisse herauskommen.

Dass eine zentrale Datenerfassung eine deutliche Verringerung des bürokratischen Aufwands mit sich bringt, glaubt auch der HTL-Lehrer: „Die Zettelwirtschaft früher war wahrscheinlich schlimmer.“ Er sieht allerdings gewisse Diskrepanzen zwischen der schönen Theorie und der Praxis: „Das liegt zum Teil am System und zum Teil am Endnutzer, der nicht erziehbar ist. Da sind Lehrerinnen und Lehrer zwischen Mitte 20 und über 60 mit sehr unterschiedlichen EDV-Kenntnissen und ebenso unterschiedlichen emotionalen Zugängen zum Computer am Werk. Wenn alle Daten korrekt zur Verfügung gestellt und eingetragen werden, funktioniert das. Aber nur dann.“

Korrekte Dateneingabe bedeutet allerdings noch nicht Datensicherheit – weder auf Seiten der Nutzer, noch auf Seiten des IT-Anbieters. Überprüfbarkeit, Reproduzierbarkeit und die Möglichkeit, die gesamte Schullaufbahn eines Kindes jederzeit abbilden zu können, ist die eine Seite der zentralen Erfassung und Speicherung von Daten. Die andere Seite ist der Schutz dieser Daten. Erst dieser Tage wurden elf Schüler von einer High School in New Port Beach im US-Bundesstaat Kalifornien verwiesen, weil sie sich in PCs von Lehrern gehackt und ihre Noten geschönt hatten (Artikel dazu hier zu finden). „Ich behaupte, das kann hier auch jederzeit passieren“, sagt der HTL-Lehrer trocken, „und dafür muss man kein Hacker-Genie sein.“

Außerdem ist nicht zu garantieren, dass zigtausende Lehrerinnen und Lehrer, die über ihr jeweils eigenes Konto in Sokrates Web einsteigen, auch alle ausreichend sorgsam mit ihren Daten umgehen und nicht etwa Passwörter für ihren Zugang herumliegen lassen. „Auszuschließen ist natürlich nie etwas“, räumt Stefan Einackerer ein, „aber wir sind ständig daran, die Lehrerinnen und Lehrer für das Thema zu sensibilisieren.“ Was die Datensicherheit bei bit Media e-Learning betrifft, steht zumindest in den Verträgen, dass die Firma dafür mit allen Mitteln sorgen muss – u.a. damit, dass ihre Server in Österreich stehen müssen. „Und jedenfalls nicht in den USA“, fügt Stefan Einackerer hinzu.

Es recherchierte  Irene Heisz
Foto: privat