Peter Paul Kainrath über das Haus der Musik

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Im September 2015 werden die Innsbrucker Stadtsäle und Kammerspiele abgebrochen, Mitte 2018 soll das Haus der Musik eröffnet werden: Der Südtiroler Kulturmanager Peter Paul Kainrath ist Projektkoordinator – er stellt das Projekt vor.

Peter Paul Kainrath über das Haus
der Musik: „Durch simple Addition
ergibt sich kein Mehrwert.“

Der Kulturmanager Peter Paul Kainrath soll den künftigen Benutzern des Innsbrucker Hauses der Musik ihre Wahlverwandtschaft schmackhaft machen. Zauberfuchs-Redakteurin Irene Heisz hat mit dem Projektkoordinator über die Potenziale eines europaweit einzigartigen Unterfangens gesprochen.

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Zauberfuchs: Sie sind seit etwa einem halben Jahr als Koordinator für die inhaltliche Koordination des Hauses der Musik zuständig. Wie macht man aus vielen kleinen und größeren Puzzleteilen ein stimmiges Ganzes?

Peter Paul Kainrath: Die letzten Monate waren davon geprägt, die künftigen Nutzerinnen und Nutzer mit dem Status quo ihrer Produktionsbedingungen in dieses neue Haus hinein zu denken. In dieser Phase zielte die inhaltliche Arbeit zunächst einmal darauf ab, einen Dialog zu beginnen. Es gibt ja einen Unterschied zwischen den gesetzlichen Vertretern der Institutionen und den tatsächlichen Benutzern des Hauses.

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Weil Letztere wissen, was sie tatsächlich zum Arbeiten brauchen.

Deshalb gab es einen Konsens darüber, früh mit diesem Dialog zu beginnen, der immer wieder dazu imstande ist, einen Gegencheck zu machen: Wie lässt sich das, was man baulich und betriebswirtschaftlich bestimmt, auf die neue inhaltliche Konstellation herunter brechen?

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Darin liegt ja im Grunde der Knackpunkt, der über ein Gelingen oder Misslingen des Projekts HdM entscheiden wird: Wie lassen sich unterschiedliche Institutionen eigenständig erhalten, gleichzeitig aber so zusammenführen, dass daraus ein größeres Ganzes entsteht?

Die neun oder zehn Nutzer — je nachdem, ob man die Kammerspiele des Tiroler Landestheaters und das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck als einen oder zwei Nutzer betrachtet — waren ja bisher keine Nachbarn.

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Auch nicht unbedingt Freunde.

Das will ich gar nicht so sagen, aber jedenfalls waren sie keine Nachbarn. Und allein dadurch, dass man künftig im selben Haus arbeiten wird, wird man den jeweils anderen stärker wahrnehmen und möglicherweise auch ein paar Vorurteile aus dem Weg räumen müssen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Heute gibt es drei Bibliothekseinheiten eine im Konservatorium, eine am Mozarteum und eine am Institut für Musikwissenschaft, die im jeweiligen Institutskontext angesiedelt sind die im jeweiligen Institutskontext angesiedelt sind und von der Öffentlichkeit eigentlich gar nicht so wahrgenommen werden— morgen wird es eine Bibliothek für alle geben. Das bedeutet, einen Punkt anzusteuern, an dem man das Eigene aufgibt, um etwas gemeinsames Neues zu entwickeln. Es werden daher in nächster Zeit Workshops stattfinden, in denen man darüber nachdenkt, wie man den Bibliotheksbegriff größer fassen kann und wie sich die Bedingungen ändern, wenn die Bibliothek an einem öffentlichen Ort angesiedelt ist und von anderen Hausnutzern ebenso wie von Menschen von außen genutzt wird. Das ist jedenfalls momentan der Ansatz. Bis Ende des Jahres soll das Bibliothekskonzept stehen. Aber dafür wird sich jeder Beteiligte bewegen müssen. Das Haus kann nicht funktionieren, wenn man bloß neun Mal hintereinander 1 plus 1 addiert. Da kommt kein Mehrwert heraus. Und die große Chance des Hauses, das ist zumindest die Erkenntnis, die ich in den vergangenen sechs Monaten gewonnen habe, ist: Man kann bei mehr oder weniger gleich bleibenden finanziellen Mitteln durch eine neue Konstellation der Institutionen zueinander eine neue Rolle für die Musik in diesem Land definieren, neue inhaltliche Perspektiven erschließen. Das ist ein hochinteressanter Prozess.

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Und einer, der so nicht häufig vorkommt.

Üblich ist, dass die Kulturpolitik Projekte finanziert, die Potenzial haben — aber die sinnstiftende Arbeit setzt erst später ein. Das ist auch gar nicht verkehrt. Wenn man immer versuchte, jedes Detail vor einer Entscheidung zu erwägen, würden sich häufig jene Faktoren durchsetzen, die gegen ein Projekt sprechen.

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Auch beim Haus der Musik?

Auch da gab es natürlich Phasen, in denen viele Gegenargumente im Vordergrund standen. Es war eine mutige kulturpolitische Entscheidung, die Potenziale zu betonen und dann rasch den Prozess der Stinnstiftung in Gang zu setzen. Mag sein, dass das dem einen oder anderen wie eine kulturpolitische Sonntagspredigt vorkommt, weil er vielleicht zunächst nur daran interessiert ist, seine Arbeit zu machen wie bisher auch. Aber das ändert nichts daran, dass das Haus der Musik eine grandiose Sache ist, die es so meines Wissens in ganz Europa nicht gibt.

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Was ist das Einzigartige an dem Projekt?

Diese Nähe zwischen Lehre und Forschung auf der einen Seite und Praxis auf der anderen, die Nähe zwischen Volkskultur und so genannter ernster Musik. Jeder, der in das Haus einzieht, ist gefordert, mit diesem Potenzial umzugehen. Das ist ein enorm komplexer Prozess. Meine kleine, bescheidene Rolle in den kommenden Monaten wird sein, dafür zu sorgen, dass niemand das größere Ganze aus den Augen verliert.

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Räumliche Nähe ist kein Garant dafür, dass Nachbarn gedeihlich zusammenarbeiten. Und die Kulturszene ist beileibe nicht frei von Eifersucht, Missgunst, Neid etc. Bräuchte es da nicht eher einen Psychiater oder einen Mediator?

Nein, nein, einen Psychiater nicht. Abr der Mediator ist ja nahe am Koordinator, dieser Arbeitstitel beinhaltet die Prozessbegleitung. Es gibt natürlich keine Garantie dafür, dass die verschiedenen Leute morgen etwas miteinander zu tun haben wollen.

Aber ich möchte es wieder anhand eines kleinen Beispiels erklären: Jeder Kulturverein hat einen relativ großen Vorstand, der, sagen wir, zwölf Mal im Jahr zusammentritt. Selbst in einem großen Haus wie dem Haus der Musik spielt es sich aber nicht, dass jeder Verein sein eigenes Sitzungszimmer bekommt, das höchstens zwölf Mal im Jahr benützt wird. Es war nicht so schwierig, den drei betroffenen Vereinen plausibel zu machen, dass es auch okay ist, einen gemeinsamen Raum zu haben, der 36 Mal im Jahr bespielt wird. Das klingt jetzt vielleicht banal, ist aber genau der Geist, der da installiert werden soll.

Oder, anderes Beispiel: Der Tiroler Volksmusikverein und die Festwochen Alter Musik werden unmittelbare Nachbarn sein. Ich bin mir sicher, dass allein dadurch, dass man sich täglich begegnet, ganz neue Schnittfläche entstehen, dem man sich gar nicht entziehen kann.

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Sie sind ein Optimist.

Natürlich ist es meine Aufgabe, das Haus maximal positiv zu konnotieren. Aber ich tu mich damit nicht schwer.

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Zu Ihren Aufgabe gehört laut Jobdescription auch die „Entwicklung einer übergeordneten Identität“ für das Haus. Das klingt in dieser frühen Phase noch sehr abstrakt.

Wie gesagt: Durch eine simple Addition ergibt sich kein Mehrwert. Und auch keine Identität. Aber das wird auch von der Person des zukünftigen Leiters oder der Leiterin des Hauses abhängen. Eine solche Figur braucht es, und zwar ehr früher als später. Je näher man dem Eröffnungstermin des Hauses kommt, desto mehr will man ja schon eine Dynamik haben, die man in allen Details durchgespielt hat. Zu eröffnen und dann zu sagen, schauen wir einmal, was passiert, wird nicht reichen.

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Für wie lange wurden Sie verpflichtet?

Mein Beratervertrag läuft Ende des Jahres aus.

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Ist es denkbar, dass Sie künftig das Haus der Musik leiten?

Sicher nicht. Das ist ein Fulltime-Job, den ich nicht machen kann.

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Sie sollen auch „die Interaktion des Hauses mit dem Umfeld“ sicherstellen. Was bedeutet das?

Es reicht nicht, das Haus hinzustellen und sich darauf auszuruhen, dass darin die bestmöglichen Rahmenbedingungen für neun Benutzer herrschen. Es muss ein Haus der Musik Tirols werden. Wenn der einfache Bürger, die einfache Bürgerin das Haus betreten, vielleicht auch nur, um einen Kaffee zu trinken, müssen sie das Gefühl haben: Wenn ich irgendetwas zur Musik in diesem Land wissen will, dann bin ich hier auf allen Ebenen gut bedient. Es wird im Eingangsbereich etwas geben, das wir, Arbeitstitel, „Welcome Zone“ nennen.

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Man merkt, dass Sie sich berufsbedingt viel in Flughäfen aufhalten.

Egal, wie es dann wirklich heißt: Die Leute sollen dort nicht nur Tickets kaufen können, sondern auch proaktiv mit Informationen zum Beispiel über Veranstaltungen versorgt werden. Das Haus darf auf keinen Fall eine Trutzburg werden, in der sich die verschanzen, die das Glück hatten, kulturpolitisch hineingehievt worden zu sein.

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Das alles ist natürlich auch eine Frage von Organisation und Logistik, vor allem aber eine Frage der Haltung derer, die dort arbeiten.

Weshalb letztlich alles an den handelnden Personen hängt.

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Wann werden Sie Ihren Job gut gemacht haben? Wenn Sie am Ende alle lieben, oder wenn alle ein bisschen grantig auf Sie sind?

Weder noch. Meinem Auftrag gerecht geworden werde ich dann sein, wenn alle Benutzer dieses Haus der Musik in einem ähnlichen Maß als Potenzial begreifen und verstehen, dass Wachstum auch jenseits budgetärer Belange möglich ist. Wenn der Preis dafür ist, dass der eine oder andere den Kainrath als Störfaktor empfindet, spielt das keine Rolle.

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Schauen wir abschließend zurück auf das absolut Grundlegende: Warum ist für Sie ein Haus der Musik in dieser Form richtig und wichtig?

Weil Musik ein enorm wichtiger Inhalt für die Gesellschaft ist, die Vermittlung aller nicht strikt kommerzieller Inhalte aber immer schwieriger wird. Allein durch die Tatsache, dass man ein gemeinsames Haus bezieht, neue Konstellationen herbeizuführen und neue Verwandtschaften zu initiieren, ist eine bestechende Chance.

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Wie oft sind Sie in den letzten Monaten im Kopf durch das Haus der Musik gewandert?

Sehr oft! Ich betrachte mich als temporären Bewohner des Hauses. Seit das Einreichprojekt steht, besteht auch nicht mehr die Gefahr, dass man sich verirrt. Es wird auch eine Aufgabe für die nächsten Monate sein, dass jeder Nutzer eine Vorstellung über seinen Tages- und seinen Jahresablauf entwickelt. Es ist wichtig, dass das passiert, bevor überhaupt der erste Ziegelstein gesetzt wird.

Das Gespräch führte  Irene Heisz

„Üblich ist, dass die Kulturpolitik Projekte finanziert, die Potenzial haben — aber die sinnstiftende Arbeit setzt erst später ein. Das ist auch gar nicht verkehrt. Wenn man immer versuchte, jedes Detail vor einer Entscheidung zu erwägen, würden sich häufig jene Faktoren durchsetzen, die gegen ein Projekt sprechen.“
Peter Paul Kainrath, Kulturmanager
Peter Paul Kainrath über das Haus der Musik
Peter Paul Kainrath über das Haus der Musik
ZUR PERSON: PETER PAUL KAINRATH
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  • Der Südtiroler Kulturmanager und gelernte Konzertpianist Peter Paul Kainrath leitet u.a. das Festival Transart und den Busoni-Klavierwettbewerb in Bozen, er ist Deputy Director der Kunstbiennale Manifesta mit Sitz in Amsterdam und war von 2003 bis 2012 künstlerischer Leiter des Schwazer Festivals Klangspuren.
INFO-BOX: HAUS DER MUSIK
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  • Das über zwei Jahrzehnte diskutierte Haus der Musik in Innsbruck wird Realität: Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, die Kammerspiele des Tiroler Landestheaters, die Festwochen Alter Musik, der Tiroler Volksmusikverein, das Mozarteum, das Institut für Musikwissenschaft der Universität Innsbruck, das Tiroler Landeskonservatorium, der Tiroler Blasmusikverband und der Tiroler Sängerbund erhalten in dem von Architekt Erich Strolz geplanten Bau Büros, Veranstaltungs- und Proberäumlichkeiten, eine Bibliothek, Vorlesungssäle und ein Café.
  • Im September 2015 werden die Stadtsäle und Kammerspiele abgebrochen. Mitte 2018 soll das 58 Millionen Euro teure, von Stadt Innsbruck, Land Tirol und Bund finanzierte Haus der Musik eröffnet werden.
Fotos: Erich Strolz (2), Gregor Belasi Khuen