Die Natur, der große Gleichmacher

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Der Imster Gerhard Jäger stellte mit „Der Schnee, das Feuer, der Tod und die Schuld“ seinen ersten Roman vor | Im Mittelpunkt steht der historisch katastrophale Lawinenwinter in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts

Die Natur, der große Gleichmacher:
Debütroman des Imsters Gerhard Jäger

Der Imster Schriftsteller Gerhard Jäger legt mit „Der Schnee, das Feuer, der Tod und die Schuld“ seinen ersten Roman vor. Zauberfuchs-Autorin Irene Heisz hat sich mit großer Freude auf den machtvollen erzählerischen Sog des Buches eingelassen.

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„Der Schnee, das Feuer, der Tod und die Schuld“ ist Gerhard Jägers erster Roman, aber der langjährige Wahlimster ist nicht der erste Autor, der sich von einem der historisch katastrophalen Lawinenwinter in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts zu einem Roman inspirieren ließ. Im Jänner und Februar 1951 starben im gesamten Alpenraum 265 Menschen, 135 davon in Österreich. Das ist der Hintergrund von Jägers Geschichte. Sein als Rockmusiker berühmter Vorarlberger Landsmann Reinhold Bilgeri hat schon 2005 über den ähnlich dramatischen Winter 1954 geschrieben und diesen in seinem zu Recht viel beachteten literarischen Erstling „Der Atem des Himmels“ als Folie für eine so anrührende wie tragische Liebesgeschichte genützt.

Auch Gerhard Jäger kommen die archaische Wucht und Bildmächtigkeit des Topos Lawine zupass, bei ihm gestalten sich Handlungsstränge und Zusammenhänge allerdings deutlich komplexer und vielschichtiger. In „Der Schnee, …“ geht es auch um eine Liebesgeschichte in einem Bergdorf, das, wie alle Bergdörfer dieser Zeit, gleichzeitig gottverlassen und von Bigotterie vergiftet ist. Wie man etwas, egal was, macht und was man nicht zu tun hat, ist strikt geregelt und einer gnadenlosen sozialen Kontrolle unterworfen. Sexualität, die weibliche zumal, ist eine bedrohliche, potenziell zerstörerische Macht; Emotionen wie auch Begierden aller Art werden gut (aber eben doch nie gut genug) versteckt. Und dem Fremden, Unvertrauten und Unkonventionellen – hier in Gestalt eines jungen Wiener Intellektuellen, der zwecks historischer Forschungen über eine „Hexe“ ins Dorf kommt –

wird mit gleich viel bösartigem Misstrauen wie Neugierde begegnet. „Der Schnee…“ handelt deshalb auch von einem jahrzehntelang ungelösten Kriminalfall und von einem alten Mann auf der Suche nach längst verwehten Spuren eines früheren Lebens.

Hinter diesen konkreten Geschichten, die Jäger mit ruhigem Gestus zu einem stimmigen Ganzen verwebt, stehen alte, immer neue Themen und Motive des Lebens und der Literatur: Eros und Thanatos, Liebe und Eifersucht, Schuld und Sühne. Vor allem aber beschreibt Jäger die quälende Sprach- und Hilflosigkeit in der Konfrontation mit den großen Gleichmachern — der menschlichen Natur mit all ihren Abgründen auf der einen Seite und der Übermacht vollkommen gleichgültiger Naturgewalten auf der anderen.

Da ist ein Autor am Werk, der es wohltuend genau nimmt mit der Sprache und den Bildern, die er spürbar lustvoll entwirft. Gerhard Jäger gibt seinen Geschichten Zeit und den nötigen Raum, sich zu entwickeln und im Kopf ihre eigene Wirkmacht zu entfalten. So entsteht schnell ein erzählerischer Sog, auf den sich die Leserin gern einlässt.

Gerhard Jäger: „Der Schnee, das Feuer, der Tod und die Schuld“, Blessing Verlag, Berlin 2016, 400 Seiten, 23,70 Euro; auch als Hörbuch (hier zu finden), gelesen von Peter Matic und Manuel Rubey, und als eBook (hier zu finden) erhältlich.

Von  Irene Heisz

Die Natur, der große Gleichmacher
Fotos: Julia Hammerle/Die Lichtbildnerei, Blessing Verlag