Der Metzger, das Veilchen und der Totengräber

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Bernhard Aichner, Thomas Raab und Joe Fischler erzählen neue Geschichten von ihren Krimihelden Max Broll, Willibald Adrian Metzger und Valerie Mauser

Leichte Lesekost: Der Metzger, das Veilchen und der Totengräber

Leichte Lesekost für einen verregneten Herbstnachmittag auf der Couch: Bernhard Aichner (Foto oben), Thomas Raab (rechts) und Joe Fischler (links unten) erzählen neue Geschichten von ihren Krimihelden Max Broll, Willibald Adrian Metzger und Valerie Mauser. Zauberfuchs-Autorin Irene Heisz hat sie gelesen.

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Krimis kommen seit jeher gern in Reihen daher; wenn das lesende Publikum einen Protagonisten, eine Protagonistin spontan ins Herz schließt, lassen sich Autorinnen/Autoren und deren Verlage meist liebend gern ein zweites, drittes, x-tes Mal bitten und erzählen die Geschichten ihrer Figuren weiter. Dabei geht es darum, immer neue, möglichst originelle kriminalistische Plots zu erfinden und gleichzeitig die Balance zwischen der Wiedererkennbarkeit der Figuren und deren persönlicher Entwicklung — unter Umständen über viele Jahre — zu halten. Mitunter entwickeln sich so langlebige Freundschaften zwischen der geneigten Leserinnenschaft und diversem Exekutivpersonal, Privatdetektivinnen und was da sonst noch so kreucht und fleucht an kriminalistisch interessierter Dramatis Personae.

Mehr Spielräume als die durch lästige Dienstvorschriften doch bisweilen arg eingeschränkte Exekutive eröffnen üblicherweise Berufsfelder, die auf den ersten Blick keine Berührungspunkte mit klassischer Ermittlerarbeit haben. Totengräber, zum Beispiel, wie Bernhard Aichners Max Broll, der in „Interview mit einem Mörder“ gerade seinen vierten Auftritt hat. Oder der Restaurator Willibald Adrian Metzger, den sein Schöpfer Thomas Raab in seinem siebenten Fall mit dem schlichten, aber raffinierten Titel „Der Metzger“ durch ein kühn komponiertes Setting zwischen Wurstwarenfabrik und Literaturszene stolpern lässt.

Dass allerdings auch der öffentliche Dienst reichlich Gelegenheit bietet, Gesetze und Vorschriften enorm kreativ zu interpretieren, beweist einmal mehr Valerie Mauser aka Veilchen. Der Tiroler Autor Joe Fischler hat binnen weniger Monate gleich drei „Veilchen“-Krimis auf den Markt geworfen. Während sich die hochrangige Kriminalbeamtin, eine gebürtige Wienerin, die das Schicksal nach Innsbruck verschlagen hat, noch von den in „Veilchens Feuer“ erlittenen schweren Verletzungen erholt, stürzt sie sich Hals über Kopf in ihren neuen Fall „Veilchens Blut“. Gerade noch halbtot, erhebt sie sich in diesem Fall nicht wie Phönix, sondern wie ein Strauß aus der Asche. Auf treten in Innsbruck und Umgebung jedoch nicht nur ein exotischer Laufvogel, sondern auch ein Kamel — und vor allem eine junge Frau, die Valerie Mauser einst unmittelbar nach deren Geburt zur Adoption freigegeben hatte.

Dass es sich bei Luna tatsächlich um Veilchens Fleisch und Blut handelt, ist unverkennbar: Beide Frauen kennzeichnet ein eklatanter Mangel an Affektkontrolle, der nicht nur sie selbst, sondern auch sämtliche Menschen in ihrer näheren Umgebung ständig in absurdeste und jedenfalls lebensgefährliche Situationen bringt. Joe Fischler jagt Veilchen und ihre Entourage mit solcher Rasanz durch den Plot, dass weder die Figuren noch die Leserin kaum zum Luftholen kommen. Die Guten sind gut, die Bösen böse, Witzfiguren im Grunde die einen wie die anderen. Und falls sich irgendwo unvermutet Abgründe auftun, dann eher nicht in den Charakteren, sondern ganz prosaisch in der Landschaft, zum Beispiel im Zirler Steinbruch. Im Zweifelsfall entscheidet sich Fischler für die flüchtig groteske Pointe und gegen die emotionale Differenziertheit in der Zeichnung seiner Figuren. Die slapstickartige Situationskomik, die Fischlers Stil einerseits auszeichnet und für leicht verdauliche, mit Ironie aufgeladene

Der Metzger, das Veilchen und der Totengräber
Leseunterhaltung sorgt, geht allerdings mitunter auf Kosten der Plausibilität der Handlung und der Handlungsweisen seines Personals.

Joe Fischler: „Veilchens Blut. Ein Fall für Valerie Mauser“, Haymon Taschenbuch, Innsbruck 2016, 256 Seiten, 9,95 Euro. Mehr über den Autor und sein Werk auf www.joefischler.com

Atemlose Rasanz ist auch ein Merkmal, das Bernhard Aichners mittlerweile weithin berühmten Schreibstil seit jeher kennzeichnet. Zwischen Band zwei und Band drei seiner fulminanten Thriller-Trilogie um die Innsbrucker Bestatterin Blum hat Aichner auf den Protagonisten einer anderen Krimi-Reihe zurückgegriffen und Max Broll, Totengräber in einem namenlosen österreichischen Dorf, einen neuen, den vierten Fall auf den Leib geschrieben. In „Interview mit einem Mörder“ verhandelt der Tiroler Bestseller-Autor eine alte (Krimi-)Frage neu und in durchaus erfrischender Form: Was, wenn ein Mörder auf die Frage nach seinem Motiv, nach dem Warum mit einem schlichten „Weil ich es kann!“ antwortet?

Aichner schont seine Protagonisten und damit seine Leserschaft nie, immer geht es ihnen ans Eingemachte, alle tanzen sie ständig auf einer Rasierklinge. Da fließen Blut, Schweiß und Tränen in beunruhigenden Strömen. Und der Effekt ähnelt gewissermaßen dem, der eintritt, wenn man Zeuge eines grausigen Unfalls wird: Man möchte nicht hinschauen. Aber man muss.

So unsentimental, ja brutal Aichner mit seinen Figuren umgeht, mit so heiliger Inbrunst lässt er sie lieben und hassen — und reihenweise segnen deren Liebste das Zeitliche. Bevor Max Broll, der liebenswürdige, vollkommen ehrgeizlose Hallodri, sein „Interview mit einem Mörder“ aufnimmt, muss er zusehen, wie sein bester Freund und Saufkumpan Johann Baroni niedergeschossen wird. Während Baroni mit dem Tod ringt, liefert sich Broll mit dem Attentäter ein verbales Duell auf Leben und Tod, einen verbissenen Psychokrieg, in dem keine Gefangenen gemacht werden.

Raffiniert gebauter, hochvergnüglicher Lesestoff und für Blum-Fans als Überbrückung der Wartezeit, bis im Jänner 2017 „Totenrausch“ erscheint, als Drogenersatztherapie bestens geeignet.

Bernhard Aichner: „Interview mit einem Mörder. Ein Max Broll Krimi“, Haymon Verlag, Innsbruck 2016, 288 Seiten, 19,90 Euro. Mehr auf: www.bernhard-aichner.at

Deutlich beschaulicher, zumindest im grundsätzlichen Lebensentwurf der Titelfigur, lässt es Thomas Raabs Willibald Adrian Metzger angehen. Dass dann doch immer wieder Ereignisse eintreten, die den nicht mehr ganz jungen, nicht mehr ganz schlanken Restaurator zu unziemlich hektischer Aktivität verleiten, bildet den Grundentwurf der beliebten Krimi-Reihe. Nach mehrjähriger Pause hat der Wiener Erfolgsautor Raab sich wieder Metzger zugewandt. Der Restaurator mit dem fleischverarbeitenden Namen gerät diesmal in die fleischverarbeitende Branche, die der Autor mit abgründigem Sarkasmus und weitgehend unangestrengt mit den Mechanismen des Literaturbetriebs verknüpft, um nicht zu sagen: parallel setzt. Möglich wird das, weil der Sohn des Wiener Würstelkaisers Woplatek partout keine Schweinehälften zerlegen will, sondern sich zum Schriftsteller berufen fühlt. Über dem Fegefeuer der Eitelkeiten werden Würste geräuchert, in den Flammen desselben Feuerchens brutzeln Marotten und Charakterschwächen aller Art, von denen nicht nur der Restaurator Metzger ein paar prächtige vorzuweisen hat. Das Ganze ergibt eine würzige, aromensatte literarische Zwischenmahlzeit, mit deren raffiniertem Anspielungsreichtum Auskenner ihre Freude haben, bei der aber auch geistige Veganer gern kräftig zulangen.

Thomas Raab: „Der Metzger“, Droemer/Knaur, München 2016, 336 Seiten, 20,60 Euro. Mehr auf: www.thomasraab.com

Von  Irene Heisz

Der Metzger, das Veilchen und der Totengräber
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Der Metzger, das Veilchen und der Totengräber
Fotos: Fotowerk Aichner, Watzek Fotografie, Simone Heher-Raab, Haymon Verlag (2), Droemer