Christine Pernlochner-Kügler im Interview

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Die Bestatterin, Thanatologin und Zauberfuchs-Kolumnistin Christine Pernlochner-Kügler als Darstellerin in einem Film: Die Dokumentation „Vollenden“ zeigt, worüber gern geschwiegen wird. Irene Heisz hat mit Christine darüber geredet.

Christine Pernlochner-Kügler im Gespräch: „Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Tote haben keine Probleme“

„Vollenden“ ist ein schönes, mehrdeutiges Wort. Es bedeutet nicht nur, etwas zu Ende zu bringen, fertigzustellen, sondern impliziert auch, etwas gut und zufriedenstellend, vielleicht sogar perfekt abzuschließen. Dem irischen Schriftsteller Oscar Wilde wird der Ausspruch zugeschrieben: „Am Ende wird alles gut sein. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ Christine Pernlochner-Kügler und ihr Geschäftspartner Markus Ploner arbeiten daran, es gut werden zu lassen — für Verstorbene und vor allem auch für deren Angehörige.

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Die Schweizer Regisseurin Susanne Eigenheer Wyler und Kameramann Aladin Hasic haben Tini und Markus mehrere Jahre lang bei deren Arbeit als Bestatter, Trauerbegleiter und Thanatologen begleitet. Die TV-Dokumentation „Vollenden“ wurde vom Filmkollektiv Zürich und der Navigator Film produziert und von SRF, WDR sowie dem ORF koproduziert. Nach der Uraufführung bei den Solothurner Filmtagen erlebt die Dokumentation am Montag, 22. Juni, im Innsbrucker Leokino ihre Tirol-Premiere (Anmeldung erforderlich, Restplätze unter cinetirol@tirolwerbung.at).

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Zauberfuchs: Ist „Vollenden“ aus deiner Perspektive mehr ein Film über Bestatter oder über das Sterben und unseren Umgang damit?

Christine Pernlochner-Kügler: Klar über Bestatter. Gestorben wird im Film nicht wirklich, es geht ums Totsein und darum, was nachher mit den Menschen passiert. Und es geht speziell darum, wie wir bei „Bestattung und mehr“ damit umgehen.

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Was heißt das konkret?

Wir bieten die Versorgung von Verstorbenen an. Und die Möglichkeit für Angehörige, in einem geschützten Rahmen Abschied zu nehmen. Das war ja bis vor einigen Jahrzehnten ganz normal, ist aber in den Vierziger-, Fünfzigerjahren in Vergessenheit geraten. Ich vermute, die Menschen haben im Krieg so viele Tote gesehen, dass sie nicht noch mehr ertragen hätten. Auch das Bestattergewerbe hat sich ja erst nach und nach entwickelt, in den Städten Ende des 19. Jahrhunderts, auf dem Land erst ab den Fünfzigerjahren. Der Umgang mit dem Tod ist dadurch institutionalisiert worden — und auch dadurch, dass man das Sterben mehr und mehr in die Krankenhäuser verlagert hat. Die Generation meiner Eltern und unsere Generation muss erst wieder lernen, den Anblick von Toten auszuhalten und Abschied zu nehmen. Wir sind mit dem Satz aufgewachsen „Behalten wir ihn/sie so in Erinnerung, wie er im Leben war.“ Das erzeugt natürlich extreme Phantasien und Ängste. Wenn ich einen Menschen im Tod nicht mehr sehen darf, muss das ein Monster sein, das da im Sarg liegt.

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Die Regisseurin Susanne Eigenheer Wyler hat eure Arbeit mit Verstorbenen gefilmt. Das letzte Wort, was im Film wirklich zu sehen ist, hatten Markus Ploner und du?

Ja, und wir mussten oft „Nein!“ sagen. Es ging immer darum, die Integrität der Verstorbenen zu wahren und Grenzüberschreitungen zu vermeiden. Die Versorgung eines Körpers ist grundsätzlich immer ein Übergriff, ebenso wie jede Pflegehandlung. Ich muss nicht herzeigen, wie zum Beispiel Körperöffnungen tamponiert werden, das wäre ein Unding für mich.

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Wie reagieren denn Menschen, wenn sie hören, dass du Bestatterin und Thanatologin bist?

Die finden das spannend und stellen ganz viele Fragen. Es ist keineswegs so, dass sie sagen „Huch, rühr diese Frau bloß nicht an!“

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Ich vermute vor allem, dass — obwohl wir in Österreich den Begriff „a schöne Leich“ erfunden haben — viele gar nicht wissen, was Thanatologie überhaupt ist.

So ist es, obwohl der Begriff seit mittlerweile mehr als zehn Jahren eingeführt ist. Thanatologie ist im Prinzip die Wissenschaft vom Tod. Dazu gehört im Bestattungsbereich einerseits, die Verstorbenen zu versorgen, aber auch die psychologische Kompetenz, den Abschied zu begleiten. Was nützt dir die schönste Leich’, wenn du nicht weißt, wie du Angehörige begleiten und ihnen helfen kannst, auf den Verstorbenen zuzugehen?

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Der Begriff, der für mich im gesamten Film im Vordergrund steht, ist Respekt. Ist es schwierig, respektvoll mit Verstorbenen umzugehen und deren gute Versorgung persönlich zu nehmen, gleichzeitig aber trotzdem jene Distanz zu wahren, ohne die man deinen Beruf wohl kaum ein paar Monate lang durchhalten könnte?

Nein, gar nicht. Das ist eine Haltung, die du hast und in einem Betrieb pflegst — oder eben nicht. Wenn ich mich jeden Tag zusammenreißen und zurechtzurren müsste, um diese Haltung einzunehmen, wäre es tatsächlich nicht auszuhalten. Respektvoll zu sein, heißt ja nicht, vor einem Leichnam zu stehen und mitleidig dreinzuschauen oder selber traurig zu sein, sondern es erfordert, normal, natürlich und sachlich mit der Situation umzugehen. Man kann die Versorgung eines Menschen im Prinzip als erweiterte Körperpflege betrachten. Ich bin die Pflegerin der Toten. Was natürlich nicht heißt, dass es nicht auch Fälle gibt, die mich persönlich betroffen machen.

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Ist der Tod nicht nur das Letzte, was uns im Leben passiert, sondern auch das letzte Tabu in unserer Gesellschaft?

Das bezweifle ich. Er ist ein großes Tabu, aber davon gibt es viele.

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Im Film nennst du beispielhaft das Thema Sex. Aber wie tabubehaftet ist Sex denn heute noch? Es gibt ja nun nichts, was es nicht gibt und was ich mir nicht im Internet anschauen könnte.
Schon. Die CSI-Leichen, die sich die Leute gierig reinziehen, sind ja auch sehr gut gemacht und realistisch dargestellt, wie unglaubwürdig die Geschichten rundherum auch immer sein mögen. Andererseits haben die Menschen im wirklichen Leben riesige Berührungsängste mit dem Tod. Ähnlich ist es mit Sex. Wir unterhalten uns natürlich problemlos darüber — aber reden wir dann wirklich und ehrlich über unseren eigenen Sex? Oder nehmen wir das Thema Gefühle. Wir wollen alle tough sein, gerade in unseren Berufen. Wann erlauben wir uns denn schon, aufrichtig Gefühle zu zeigen und den damit einhergehenden Kontrollverlust in Kauf zu nehmen?

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Sehr selten.

Und das ist ja auch gut so — irgendetwas muss wirklich privat bleiben dürfen. Aber was den Umgang mit dem Tod betrifft, sind Respekt und Pietät lange mit Verstecken verwechselt worden. Der Bestatter war der Typ, der irgendwo in einer Ecke gestanden ist und halt seine Dienstleistung abgeliefert hat. Ich lade die Leute ein, ihre Verstorbenen selbst anzuziehen. Wenn sie mit der Frisur, die ich gemacht habe, nicht zufrieden sind, bitte ich sie, die Mama selbst noch einmal zu frisieren. Oder wenn mich ein Kind fragt, ob die Oma wirklich tot ist, frage ich zurück: „Wie würdest du das denn überprüfen?“ Und wenn das Kind dann sagt, dass es die Oma in den Zehen zwicken würde, soll es das auch tun. So etwas wäre vor 20, 30 Jahren undenkbar gewesen.

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Wie hat dich persönlich der tägliche Umgang mit toten Menschen verändert?

Viele Dinge, die für andere ein Problem sind, sind für mich keines mehr. Ich hab manchmal den Eindruck, die Leute vergeuden wertvolle Zeit mit der Diskussion von Scheinproblemen oder Fragen, die man eh nicht beantworten kann. Viele Fragen der Philosophie zum Beispiel, werden seit Jahrtausenden diskutiert, ohne dass man eine Antwort gefunden hat und je finden wird — die Frage nach einem Gottesbeweis, zum Beispiel. Ich mag keine Zeit mehr mit Problemen verbringen, die man eh nicht lösen kann, das lenkt mich vom Leben hier und jetzt ab. Ich glaube, man verpasst etwas oder verliert leicht den Bezug zum Leben und dem, was tatsächlich wichtig ist, wenn man zu viel über Scheinprobleme grübelt.

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Wenn wir nicht gleich so hoch wie nach einem Gottesbeweis greifen, sondern im täglichen Leben bleiben: Was sind für dich Scheinprobleme?

Manche können sich in Diskussionen hineinsteigern, die ich schlichtweg unwichtig finde. Stichwort Elternabend: Ich erinnere mich mit Schaudern daran, dass ich einmal einer stundenlangen Diskussion darüber beiwohnen musste, ob nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer Patschen tragen sollten… Völlig absurd, völlig unwichtig. Diese Zeit hätte man wertvoller verbringen können.

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Nimmt einem die Beschäftigung mit dem Tod die Angst davor?

Ich habe inzwischen sicher weniger Angst vor dem Tod als früher. Das heißt nicht, dass ich keine Angst hätte. Oder dass ich mich darauf freute, irgendwann tot sein zu dürfen. Im Gegenteil. Aber irreale Ängste und den Glauben an die zahlreichen Mythen, die sich um den Tod ranken, habe ich nicht mehr. Die beliebte Angst davor, scheintot zu sein und lebendig begraben zu werden, habe ich zum Beispiel überhaupt nicht.

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So einen Fall, wo das beinahe passiert wäre, hat es allerdings erst vor wenigen Monaten bei einer alten Frau in Deutschland gegeben.

Ja, aber es ist sonnenklar, dass da der Totenbeschauer geschlampt hat. Und die Frau wurde nicht lebendig begraben, der Fehler wurde bemerkt, als sie im Kühlraum lag und aufwachte. Der bekannte Innsbrucker Gerichtsmediziner Walter Rabl hat das einmal schön ausgedrückt: „Möglich ist es schon, scheintot begraben zu werden. Aber die Wahrscheinlichkeit ist gleich hoch wie die, drei Lottosechser hintereinander zu tippen.“ Für mich fällt der Scheintod klassisch in die Kategorien „Bestattungsmythen“ und „Scheinprobleme“.

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Glaubst du, dass es jemanden oder etwas gibt, der/das nach dem Tod und nach der Bestatterin für uns zuständig ist?

Ich habe keine Ahnung. Und ich stelle mir diese Frage nicht mehr, weil es niemand weiß und niemand mit Gewissheit sagen kann. Ich kann mit dem Fragezeichen eigentlich gut leben. Geht es danach weiter und ist jemand für mich danach zuständig, dann bin ich gespannt, wie das werden wird. Wenn es danach aus ist, halte ich es mit Epikur, der gesagt hat: „Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn so lange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“  Oder noch besser formulierte es eigentlich der Soziologe Norbert Elias: „Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Tote Menschen haben keine Probleme.“

Das Gespräch führte  Irene Heisz

„Was nützt dir die schönste Leich’, wenn du nicht weißt, wie du Angehörige begleiten und ihnen helfen kannst, auf den Verstorbenen zuzugehen?“
Christine Pernlochner-Kügler, Bestatterin
Christine Pernlochner-Kügler im Interview
Christine Pernlochner-Kügler im Interview
ZUR PERSON
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  • Dr. Christine Pernlochner-Kügler hat Philosophie und Psychologie studiert, ist als Lektorin im Gesundheitsbereich und seit 2004 im Bestattungsbereich tätig. Sie leitet zusammen mit Markus Ploner und Martin Müller das Innsbrucker Unternehmen „J. Neumair Bestattung und mehr“.
Fotos: Filmkollektiv Zürich