Auf der Jagd nach den Maden im Speck

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Das unabhängige Südtiroler Internet-Medium salto.bz ist seit einem Jahr online | Zweisprachigkeit als Abbild der Südtiroler Wirklichkeit | User-Community als zweites Standbein neben der Redaktion

Auf der Jagd nach den Maden im Speck – mit einem angenehmen Augenzwinkern

Als vor einem Jahr der Frühling begann, brach in Südtirol auch ein neues Medienzeitalter an: Seit 22. März 2013 ist salto.bz (hier zu finden) online. Das erste deutsch-italienisch zweisprachige Südtiroler Medien-Portal agiert unabhängig von den etablierten Südtiroler Medienhäusern. Ein wichtiges Standbein neben der Arbeit der Redaktion ist die starke Betonung der Community von Bürgerjournalistinnen und -journalisten.

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Getragen und verwaltet wird salto.bz von der Arbeitsgenossenschaft Demos2.0. Jutta Kußtatscher, eine renommierte Südtiroler Printjournalistin, Filmemacherin und Autorin, fungiert als Chefredakteurin von salto.bz und als Bindeglied zwischen den Herausgebern und der Redaktion. Demos2.0 ist nicht auf Gewinn ausgerichtet, alles Geld, das durch Anzeigen und PR-Kooperationen hereinkommt, fließt wieder in das Projekt salto.bz zurück.

Die Redaktion, die knapp zwei Dutzend Köpfe und einige prominente Kolumnisten wie den früheren ORF-Korrespondenten Lorenz Gallmetzer umfasst, „ist stark. Einerseits, weil sie aus kritischen Köpfen besteht, die nicht in den eingefahrenen Mustern unserer Medienlandschaft denken.“ Geprägt werden diese Muster der Südtiroler Medienszene von politischen Interessen und Ressentiments auf allen Seiten. Der Koloss Athesia überstrahlt alles, aber auch andere Medien wie die Neue Südtiroler Tageszeitung und die Wochenzeitung FF sind mittlerweile auf Schlachtschiffgröße angewachsen. „Wir schießen nicht“, betont Jutta Kußtatscher, „weil wir irgendwelche alten Rechnungen zu begleichen hätten. Wir sind kritisch, aber nicht blindlings aggressiv oder ideologiegesteuert. Ich sage gern: Wir arbeiten weniger testosteronhaltig als andere. Wenn in den Dolomiten oder im Alto Adige etwas Interessantes steht, verlinken wir es selbstverständlich auch auf unserer Seite. Die Leute sollen ruhig auch andere Medien lesen.“

Die erklärte Absicht ist, „die Pluralität der Nachrichten und Meinungen im Land abzubilden“. Und das vor dem Hintergrund einer gesellschaftspolitischen Gemengelage, in der die Kombination aus Wohlstand und einem kleinen, in sich relativ geschlossenen Raum dazu geführt hat, dass Netzwerke und informelle Absprachen mindestens so wichtig sind wie offizielle Regeln und Kanäle. „Uns interessieren die Maden im Speck“, formuliert Kußtatscher. „Und wo viel Speck ist, da sind viele Maden.“

Das auffälligste Alleinstellungsmerkmal von salto.bz ist die Selbstverständlichkeit, mit der

deutsche und italienische Artikel nebeneinander stehen, deutsche Zitate in italienische Artikel einfließen und umgekehrt. Die Redaktion besteht aus Muttersprachlern beider Sprachgruppen und Mitgliedern aus zweisprachigen Familien. „Das ist eine unserer größten Stärken, weil die Sprachgruppen ja mitunter doch unterschiedlich ticken und unsere Leute einander und den Lesern erklären können, wie die jeweils anderen gestrickt sind“, erklärt Kußtatscher. Sie ist fest davon überzeugt, dass Salto damit keine Wunschwirklichkeit schafft, sondern lediglich die Südtiroler Realität abbildet. „Natürlich gibt es links und rechts immer ein paar ideologische Ausreißer. Aber die Wahrheit ist, dass die Polarisierung der Sprachgruppen in den vergangenen Jahrzehnten von den politischen Parteien mit ihren jeweiligen Interessen künstlich hochgespielt und gesteuert war. Das Nebeneinander, das immer behauptet wurde, gibt es in dieser Form gar nicht.“

„Große Freude“ hat Kußtatscher damit, wie sich die Leserinnen und Leser in das Portal einbringen. „Ich war in diesem ganzen Jahr vielleicht fünf Mal mit rechtlichen Problemen wegen User-Kommentaren befasst. Warum das so ist, wissen wir ehrlich gesagt selbst nicht genau, aber unsere User sind extrem diszipliniert.“ Dennoch ist die Installierung eines Community Managers das Gebot der Stunde: Das Potenzial, das in der engagierten Beteiligung der Leute an Salto steckt, soll gepflegt, koordiniert, multipliziert werden.

„salto.bz war die absolut richtige Initiative zum absolut richtigen Zeitpunkt“, resümiert die Chefredakteurin das erste Jahr. „Das Potenzial des Projekts ist wirklich umwerfend, wir haben viel mehr Ideen als personelle und finanzielle Ressourcen.“ Mit ihrem Geburtstagswunsch denkt Kußtatscher deshalb nicht nur ein, sondern zwei Jahre voraus: „Ich wünsche mir, dass wir nach drei Jahren sagen können: Wir haben unseren Platz in der Südtiroler Medienlandschaft behauptet und stehen stabil und konsolidiert da, auch in wirtschaftlicher Hinsicht.“

Das Gespräch führte  Irene Heisz

„Und wo viel Speck ist, da sind viele Maden.“
Jutta Kußtatscher, Chefredakteurin
EXPERTEN-MEINUNG
punktierte Linie
  • Benedikt Sauer ist ein Südtiroler Journalist und Autor. Er arbeitet u.a. für die RAI Bozen und als Kolumnist für die Tiroler Tageszeitung und lebt teils in Bozen, teils in Innsbruck:
    „salto.bz ist eine schöne Bereicherung der Südtiroler Medienlandschaft. Es ist wichtig, dass es nach Langem, im Grunde seit der Wochenzeitung Tandem in den Achtzigerjahren wieder ein aktuelles zweisprachiges Medium gibt. Salto betreibt keinen dumpfen Journalismus, sondern geht einen liberalen gesellschaftpolitischen Weg – lebhaft und manchmal mit einem angenehmen Augenzwinkern.“
Foto: XXXXXXX