Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 2:10 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Die Qual
der Wahl

Von Nikoletta Zambelis | Das Recht, in Österreich zur Wahl zu gehen, muss sich im Laufe der wenigen Jahrzehnte, in denen uns das überhaupt gestattet ist, zu einer wahren Qual entwickelt haben.

Denn anders lässt es sich wohl kaum erklären, dass jeder dritte wahlberechtigte Österreicher (und jede dritte Österreicherin) zuletzt der Wahlzelle fernblieb. Möglicherweise braucht es daher tiefgreifende Änderungen im Wahlmodus, um ein Recht, das erst seit 1907 dem männlichen Fußvolk und seit 1918 auch Frauen zusteht, mit staatsbürgerlichem Pflichtbewusstsein auszuüben. Eine Reihe von Maßnahmen könnte dieser Wahlverdrossenheit Abhilfe schaffen.

So bestünde zum Beispiel die Möglichkeit, dass sich Herr und Frau Spitzenpolitiker wieder auf ihren, ihnen von uns erteilten Auftrag — das nennt man Demokratie — besinnen, anstatt sich mit dem Erhalt von Macht und Positionen zu beschäftigen. Umgekehrt sollten sich Herr und Frau Wähler die Sache mit der Verdrossenheit durch den Kopf gehen lassen. Denn auch andere Veranstaltungen lösen allenthalben Verdrossenheit aus, wie der Gang ins Büro, der Stau auf dem Weg in den Urlaub oder die Schlange vor der Kinokasse. Würden sie all diesen verdrießlichen Themen durch Fernbleiben ausweichen, hätte das nachhaltig negative Konsequenzen auf Arbeits- und Privatleben. Nun, ganz nebenbei erwähnt: nicht zur Wahl zu gehen, hat auch Konsequenzen, denn selbst Nichtwähler erhalten eine Regierung, einen Präsidenten oder einen Bürgermeister, nur eben ohne eigene Mitbestimmung.

Eine weitere Qual dürfte wohl auch in der Wahl der Wahltage liegen. Sonntage scheinen dafür denkbar ungeeignet, zu wichtig sind die Aktivitäten am Tag der Ruhe, die man sich unmöglich von einem Gang zur Wahlurne zunichtemachen lassen kann. Empfehlenswert wäre daher der Mittwoch, tagsüber, während der bezahlten Arbeitszeit

Meinung

versteht sich. Betriebsratswahlen finden schließlich auch nicht am Sonntag statt, und wenn doch, hätten sie möglicherweise dieselbe Beteiligung. Und statt der Feuerzeuge und Kugelschreibern als Wahlgeschenke, die eh kein Mensch braucht, könnte ein bezahltes Mittagessen sogar den letzten Wahlmuffel motivieren.

In dem Zusammenhang könnten Wahllokale und Wahlhelfer ernsthaft überdacht werden. Statt Schulen, die bei manchen kindliche Traumata reaktivieren und unheimlich schwierig zu erreichen sind, könnte man zu coolen Locations wie Bars, Restaurants, Kaffeekapsel- oder Handy-Outlets wechseln. Das würde ganz nebenbei auch die schlecht gelaunten Wahlhelfer abschaffen.

Wem all das immer noch nicht genügend Anreiz bietet, das Recht auf demokratische Mitbestimmung auszuüben, der könnte zu guter letzt noch mit einem Wahl-App gelockt werden, denn das ermöglicht wählen im Bus, auf der Alm, im Schwimmbad, eigentlich überall und jederzeit. Google würde die Daten speichern, sodass man sich nur ein einziges Mal eine Meinung bilden müsste, und einmal eingegeben, wird die abgegebene Stimme zu den synchronisierten Terminen automatisch überspielt.

Doch bis zur Etablierung dieser und möglicher weiterer Anreize, die es offenbar braucht um zwei Millionen Österreicher und Österreicherinnen zu motivieren, ihr Recht auszuüben, könnten man Wahlen wegen grassierenden Desinteresses auch ganz einfach abschaffen. Kein gestörter Sonntag, keine Politikverdrossenheit und keine ohnehin sinnloser Gang werden uns dann mehr quälen. Denn in einer Diktatur gibt es keine Qual der Wahl.