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punktierte Linie

Freundschaft
gegen Bares

Von Nikoletta Zambelis | Ein nobles Tiroler Hotel inseriert „Gastfreundschaft“ als besondere Leistung. Weit haben wir’s gebracht.

Zerteilt man Gastfreundschaft in ihre beiden Worthälften, wird deutlich, was sie ist. Die Freundschaft, die wir einem Gast entgegen bringen, sollte — nicht nur, aber auch — in einem Land, das von und mit Gästen lebt, eine Haltung darstellen. Und kein Geschäftsmodell.

Eine Tiroler Nobelherberge in einer Kleinstmetropole jedoch, die näher an Kärnten liegt als an Nordtirol, lädt zu entspannenden Tagen auf hohem Niveau ein und hat dafür ein Verwöhnpaket geschnürt: Zusätzlich zu Bett, Essen und einigen anderen exquisiten Annehmlichkeiten hat man auch Gastfreundschaft ins Inserat geschrieben. Da schlägt das Touristenherz doch gleich viel höher, denn für Bademantel und Hauspantoffeln alleine würde man den geschmalzenen Preis vielleicht nicht berappen wollen. Aber für extra aufgelistete Gastfreundschaft, da lässt man doch gerne was springen.

Diese kreative Werbebotschaft lädt nun nicht nur Gäste, sondern auch zu allerlei tiefgründigen Überlegungen ein. Vordergründig ließe sich darüber spekulieren, warum die implizite Selbstverständlichkeit eines

Meinung

Beherbergungsbetriebes, nämlich Gastfreundschaft, explizit angeführt werden muss. Vielleicht deshalb, weil sie eben nicht selbstverständlich ist und in der Stadt, der Region oder gar dem ganzen Land ein Alleinstellungsmerkmal darstellt?

Möglicherweise wollte man aber auch einfach nur den Platz im Inserat ausschöpfen und den hohen Preis mit vielen Leistungen rechtfertigen. Wenn dafür aber schon Nona-Leistungen herhalten müssen, warum dann nicht auch Brotkorb, Handtuchhalter oder telefonische Erreichbarkeit?

In die Kategorie „Ein Schelm, wer Böses denkt“ dürfte zu guter Letzt folgende Überlegung fallen: Wenn Gastfreundschaft keine Haltung mehr ist, sondern zur bezahlten Zusatzleistung wird, welches Schicksal mag dann wohl auf all jene Reisenden warten, die sich diesen zusätzlichen Service nicht leisten können?

Vom Flüchtling über den Schmalspurtouristen bis hin zur Working-poor-Familie sollten dann alle einen weiten Bogen um uns machen, denn als Gast mögen sie vielleicht noch gesehen werden, aber Freundschaft gibt es nur noch gegen Bares.