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Der Anfang
vom Ende

Von Nikoletta Zambelis | Deutschpflicht im Schulhof? Wenn der Schulwart zum Blockwart und der Turnlehrer zum Denunzianten wird, können wir den Rest unserer so genannten Werte auch gleich vergessen.

Immer wieder, aktuell gerade in Wörgl, flammen Diskussionen über eine Deutschpflicht in der Schulpause auf. Ein Fremdsprachenverbot auf dem Schulhof fördert allerdings nicht nur nicht die Integration von Migrantenkindern, sondern macht auch Lehrer, Eltern, Mitschüler, ja selbst den Schulwart zu Spitzeln. Menschen derart aufeinander anzusetzen, wäre der Anfang vom Ende all der Werte, die wir vorgeben zu hüten und zu verteidigen.

Abgesehen von der defizitorientierten Herangehensweise, die das Sprechen einer fremden Sprache in Schulpausen verbietet, anstatt das Lernen der deutschen Sprache attraktiv zu gestalten, drängt sich der Frage nach der Umsetzung eines solchen Verbots auf.

Man stelle sich, einfach so zur Übung, die große Pause einer durchschnittlichen Neuen Mittelschule vor, in einer Ecke des Schulhofes eine kleine Gruppe Burschen und Mädeln, die dem neuen Mitschüler das Schulsystem auf Türkisch erklären. Der vorbei spazierende Turnlehrer hört das fremdländische Geplapper und macht…? Ja, was macht er eigentlich?

Er könnte das Grüppchen dazu auffordern, Deutsch zu sprechen, worauf die Jugendlichen im besseren Fall in Ausreden verfallen „Wir haben eh die ganze Zeit, aber der Neue, Herr Lehrer, es waren wirklich nur zehn Worte…“ Im schlechteren Fall reagieren sie aggressiv, was ihnen neben einem Sprachdelikt auch noch größeren Schaden einbrocken könnte.

Dann gäbe es noch die Möglichkeit, dass sich der

Meinung

Turnlehrer aus der persönlichen Affäre zieht und irgendwohin Meldung macht. Dafür böten sich Klassenvorstand, Schulleitung, Elternverein oder Exekutive an. Die können dann ihrerseits am Schulhof ihren Spitzeldienst versehen und gegen das Schwerverbrechen der Jugendlichen vorgehen. Wie genau dieses Vorgehen aussehen würde, spielt an der Stelle nicht einmal mehr eine große Rolle, denn unabhängig davon, ob Verwarnung, Schulverweis oder gar Schlimmeres drohen, der Schaden ist bereits angerichtet: Menschen, egal ob Turnlehrer, Eltern, Mitschülerinnen oder Schulwart werden als Spitzel benützt. Manch einen wird man nicht erst überredet müssen, Menschen zu vernadern, andere wiederum werden dessen „nur“ verdächtigt werden.

Muss ich noch weiter reden? Es bedarf keiner außerordentlich blühenden Phantasie, um sich auszumalen, was das es mit uns machen, wohin es uns führen wird. Sprache, auch wenn manche sie als Waffe verwenden, darf ebenso wenig wie Religion oder Herkunft zum Stigma erhoben werden. Wenn das passiert, wenn wir das zulassen, wenn wir dabei mit tun, dann ist das der Anfang vom Ende einer humanistischen und aufgeklärten Wertehaltung. Wenn es tatsächlich verboten wird, auf Schulhöfen und Parkbänken, an Restauranttischen und Banktresen, in Bars und Tankstellen Unterhaltungen in fremder Sprache zu führen, dann ist das nicht nur eine Attacke gegen die Freiheit zugezogener Menschen, sondern ein Angriff auf das Grundvertrauen, nicht überall und von jedermann beobachtet und angeklagt zu werden. Und das wäre für uns alle der Anfang eines fatalen Endes.