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punktierte Linie

Weißwurst
und Spiele

Von Nikoletta Zambelis | Wenn in wenigen Stunden die Spiele in Kitzbühel beginnen, todesmutige Athleten mit 140 Sachen die Streif hinunter rasen und sich alles mit und ohne Rang und Namen in der Gamsstadt trifft, dann liegt eines fast klar auf der Hand: Brot und Spiele funktionieren heute noch ebenso wie in grauer Vorzeit.

Das jährliche Hahnenkamm-Spektakel hat auf den ersten Blick zwar wenig mit Gladiatorenkämpfen in römischen Arenen gemein, doch aufs zweite Hinschauen lassen sich doch einige Parallelen entdecken. Lauern die Gefahren heute zwar nicht mehr in ausgehungerten Löwen oder gegnerischen Athleten, so bieten die topographischen Besonderheiten der Streif nicht weniger Nervenkitzel für Publikum und Sportler. Mit nichts außer einer aerodynamischen Hülle um sich herum mit 140 km/h durch die Natur zu rasen dürfte nicht wesentlich ungefährlicher sein, als sich mit einem sehr grantigen Raubtier die Arena zu teilen. Interviews aus der Dokumentation „Streif — one hell of a ride“ belegen auch, dass sich Angst und Stress der Athleten damals wie heute ziemlich ähneln dürften.

Selbst das Gaudium des Publikums hat sich in mehr als 2000 Jahren kaum verändert. Zog es im Altertum schon vom Kaiser abwärts alle an, wenn es im Circus Maximus wieder etwas zu sehen gab, so ist das in Kitzbühel kein Quäntchen anders, vor allem dann, wenn einem richtig was geboten wird. Die schaurig-schöne Gänsehaut am Rücken war und ist ganz einfach unbezahlbar, ungeachtet

Meinung

dessen, ob Löwe oder Gams für brutale Duelle sorgen. So richtig gut ist es eben erst, wenn’s einen ordentlich zerlegt, wie uns der Barde Fendrich schon wissen ließ.

Dass zur Umrahmung dieses Spektakels zusätzlich allerlei Händler, Gaukler und Marktschreier notwendig sind, gilt auch heute noch so, wie zu Cäsars Zeiten. Sogar die Protagonisten des Altertums weisen deutliche Parallelen zu den Darstellern heutiger Spektakel auf, denn heute speisen Asterix und Obelix statt Wildschwein einfach Weißwurst und Troubadix wurde schlicht durch Rosi Schipflinger ersetzt.

Sogar die Satire des römischen Dichters Juvenal, in der das römische Volk als unkritisch und politisch uninteressiert dargestellt wird, solange es nur Brot und Spiele bekäme, ließe sich mit einigen wenigen Strichen auf das kommende Wochenende umschreiben. Denn wer wird sich schon die Hahnenkamm-Euphorie von ein paar weltweiten politischen Wirren vermasseln lassen. Dass das Brot mancherorts teuer zu bezahlen ist, lässt sich an diesem Wochenende mit etlichen Flaschen Zaubertrank wunderbar vergessen.