Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 1:45 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Schein –
heilig

Von Nikoletta Zambelis | Zwei Tiroler Chirurgen wurden wegen unerlaubter Werbung zu Geldstrafen verurteilt. Warum eigentlich?

Ein uralter Witz umreißt Scheinheiligkeit als den Umstand, dass ein Paar das ganze Jahr über verhütet und zu Weihnachten singt „Ihr Kinderlein kommet“. Ähnliches Gedankengut dürfte vermutlich auch die Disziplinarkommission der Ärztekammer antreiben, die Ärzten die „Selbstanpreisung der eigenen Person in einer aufdringlichen und marktschreierischen Darstellung“ untersagt, aber gleichzeitig nichts gegen Zuwendungen der Pharmaindustrie oder Mehreinnahmen aus Zusatzversicherungen einzuwenden hat.

Der Zweck von Werbung, unabhängig davon, wie geschmacklos oder niveauvoll sie sein mag, ist es, die eigene Ware gegenüber jener der Marktbegleiter, wie man Mitbewerber inzwischen nennt, hervorzuheben und Kunden auf sich aufmerksam zu machen. Niedergelassenen Ärzten diese Möglichkeit zu untersagen, bedeutet aber auch, diese Marktmechanismen zu leugnen. Es entspräche zwar einem höchst erstrebenswerten Zustand, ärztliche Behandlung losgelöst von Angebot, Nachfrage und Alleinstellungsmerkmal erwarten zu dürfen, doch mit einem Werbeverbot alleine wird das kaum zu erreichen sein. Denn auch angelagerte Branchen wie Zusatzversicherungen oder Pharmakonzerne haben inzwischen das ihre recht erfolgreich dazu beigetragen, dass selbst unter Ärzten der wirtschaftliche Vorsprung gegenüber Marktbegleitern als weit verbreiteter Mechanismus funktioniert. Dies nun zu leugnen und der ärztlichen Tätigkeit den Heiligenschein von

Meinung

ausschließlich altruistischer und hippokratischer Haltung aufzusetzen, ist scheinheilig.

Darüber hinaus haftet dem Aufschrei der Ärztekammer der Mief von Standesdünkel an, wenn einem Ärzteduo untersagt wird, mit Skibrille und Tiroler Hut statt im weißen Kittel und mit Stethoskop auf sich aufmerksam zu machen. Ganz abgesehen davon, dass sich im heiligen Alpinland Tirol kaum jemand an den gewählten Requisiten stoßen dürfte, sollten wir uns doch inzwischen aus der demütig gebückten Haltung gegenüber hornbebrillten, weißbekittelten und allwissenden Doktoren soweit aufgerichtet haben, dass uns ein Arzt im Tiroler Hut durchaus zumutbar ist. Eine andere Erwartungshaltung gegenüber einer Branche, die, wie alle anderen Berufe auch, nicht nur positiv aufhorchen lässt, ist ebenso scheinheilig.

Zu guter Letzt drängt sich die Frage auf, ob ein niedergelassener Arzt, der neben seiner ärztlichen Verantwortung auch eine wirtschaftliche trägt, darin eingeschränkt werden darf, (fast) alles zu unternehmen, um das Überleben seiner Praxis zu sichern. Nicht nur, aber auch vor dem Hintergrund der ärztlichen Versorgung von Randregionen und -erkrankungen, sollte es Arztpraxen erlaubt sein, für ihre wirtschaftliche Existenz werben zu dürfen. Denn sonst muss man sie öffentlich finanzieren oder damit leben, dass eine Praxis nach der anderen schließt. Und das wäre dann betroffenen Patientinnen und Patienten gegenüber mehr als nur scheinheilig.