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Was bedeutet Weihnachten?

Von Nikoletta Zambelis | Ein frei erfundener (aber durchaus möglicher) Dialog.

Kaum etwas drängt sich in der Vorweihnachtszeit so sehr in unseren Alltag wie eben Weihnachten. Fragen nach den passenden Geschenken, noch schnell zu absolvierende Termine und der Speiseplan für die Festtage sind so omnipräsent, wie erste, am Horizont aufsteigende Familienkrisen. Gutmenschen halten dem entgegen, dass Weihnachten wohl mehr sein müsse, als ein bloßer Anfall von Konsumrausch, und dass es um (Nächsten-) Liebe, Friede und Verzeihen gehen solle. Und wieder andere verstehen gar nicht, was genau wir da eigentlich tun. Aus der Perspektive eines mit unseren Traditionen nicht vertrauten Flüchtlings trifft die Frage „Was bedeutet Weihnachten?“ nicht nur einen empfindlichen Nerv, sondern eigentlich den wahren Kern.

In den Hauptrollen eines Dialoges im Zauberspiegel: der Weise und der Magier.

Magier: Was bedeutet Weihnachten?
Weiser: Weihnachten bedeutet das Fest der Geburt Christi
Magier: Wer ist Christi?
Weiser: Christus, mein Lieber, ist der Sohn Gottes, der in einem Stall zur Welt gekommen ist.
Magier: Wieso in einem Stall? Wieso gingen seine Eltern nicht ins Krankenhaus?
Weiser (denkt nach) Das ist schon mehr 2000 Jahre her, damals gab es noch kein Krankenhaus. Seine Eltern mussten zu einer Zählung in eine andere Stadt, und weil alle dorthin mussten, waren angeblich alle Zimmer ausgebucht. Geld hatten sie keines und so mussten sie in einem Stall wohnen, wo ihr Sohn zur Welt kam.
Magier: (denkt jetzt auch nach) Ach, das kenne ich. Was ist aus dem Buben geworden?
Weise: Naja, später mussten sie fliehen, weil ein böser Herrscher hinter ihnen her war.
Magier: Auch das kenne ich. (Denkt eine Weile nach) Ich finde es schön, dass Ihr nach 2000 Jahren immer noch an das arme Kind denkt, das später fliehen musste.
Weiser: (wird rot)

Meinung

Magier: Wenn ich das also richtig verstehe, feiert ihr jedes Jahr den Geburtstag dieses Kindes, richtig?
Weise: (erleichtert) Mhmmmm.
Magier: Aber warum beschenkt Ihr euch dann gegenseitig? Bei uns bekommt nur das Geburtstagskind Geschenke.
Weiser: Weil (denkt nach), naja, weil wir uns freuen und uns deshalb gegenseitig Freude schenken wollen.
Magier: Ach so (denkt nach), haben denn auch alle Freude, mit den Geschenken?
Weiser: Ehrlich gestanden, nein, nicht immer. Deshalb tauschen dann ja so viele ihre Geschenke später wieder um.
Magier: Ihr wisst also nicht, was den anderen Freude macht. Das ist interessant. Muss man denn jedem etwas schenken?
Weiser: Das weiß ich nicht so genau, ich glaub‘ schon, zumindest, ach was weiß ich.
Magier: Was passiert dann noch auf der Geburtstagsparty?
Weiser: Es gibt gutes Essen, meistens jedenfalls, und davon zu viel.
Magier: Auch eine Torte mit Kerzen?
Weiser: Nein, die Kerzen stecken auf einem Baum, und wir singen.
Magier: Ihr macht also eine Party mit gutem Essen, steckt Kerzen auf Bäume (schaut fragend), singt und schenkt euch gegenseitig Dinge, von denen Ihr nicht wisst, ob sie Freude machen. Bedeutet das Weihnachten?
Weiser: (Zuckt die Schultern) Und wir streiten, manchmal, nein, eigentlich immer.
Magier: (Schaut fragend)
Weiser: Schau mich nicht so an. Ja, das kann doch einmal vorkommen, oder?
Magier: Ich wundere mich nur, weil ich gehört habe, dass Weihnachten so ein wichtiges Fest für euch ist und du gesagt hast, dass Ihr euch freut.
Weiser (verärgert): Ich kann dir sagen, was wichtig daran ist. Das Wichtigste daran ist, wenn es wieder vorbei ist und endlich Ruhe einkehrt.
Magier (verwundert, fragend) Ach so? Das bedeutet Weihnachten?