Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 1:50 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Paris und Beirut:
Mit zweierlei Maß

Von Nikoletta Zambelis | Warum erstrahlen markante Gebäude in aller Welt in den französischen, aber nicht in den libanesischen Nationalfarben?

Die Anschläge in Paris machen uns betroffen, rufen zu weltweiter Solidarität für Paris und gegen den Terror auf, und lassen uns allerorts französische Nationalfarben erblicken. Diese internationalen Gesten des Zusammenhalts, für Freiheit und gegen Terrorismus sind ergreifend und wichtig. Doch wo waren sie, als wenige Tage zuvor 200 Menschen ihr Leben in einem russischen Flugzeug verloren? Wo, als einen Tag vor Paris in Beirut mehr als 40 Menschen in den Tode gerissen wurden — beide Taten mutmaßlich ebenfalls verübt von IS-Terroristen.

Die Attentate in Paris sind erschreckend, fürchterlich, angsteinflößend. Sie erschüttern uns in unserem Sicherheitsempfinden und in unserem Wunsch nach Freiheit, sie machen ängstlich und sie machen wütend. Doch was unterscheidet diesen Anschlag von hunderten in den letzten Monaten und Jahren, die auf das Konto des IS gehen? Wo war unsere Solidarität mit den 200 Flugzeugtoten, die demselben Wahnsinn zum Opfer fielen? Und warum färbten wir unsere Wahrzeichen und Facebook-Fotos nicht in den libanesischen Nationalfarben? Kennen wir die überhaupt?

Ähnlich wie bei anderen Katastrophen des vergangenen Sommers, wie z.B. dem Schlepperdrama auf der burgenländischen A4, drängt sich in erster Lesung die Vermutung auf, dass Dramen vor der eigenen Haustüre nun einmal schwerer wiegen, als im weit entfernten

Meinung

Tripsdrill. Doch machen wir es uns damit nicht zu einfach? Sidney trennt von Beirut eine ähnliche Distanz wie von Paris, warum also strahlt die Oper in Australien nun in französischen Farben, aber nicht in den libanesischen?

Auch mit der Begründung, die Attentate in Paris waren ein Anschlag auf die Werte der westlichen Welt, auf Aufklärung und auf Freiheit kommen wir hier nicht weiter, denn Werte sind da wie dort Werte, und Menschenleben in Frankreich wiegen hoffentlich nicht schwerer als im Libanon oder Ägypten.

Und dennoch löst Paris eine Welle internationaler Solidaritätskundgebungen aus und Beirut nicht einmal eine Schlagzeile.

Vielleicht kann man dieses Messen mit zweierlei Maß nicht erklären, nicht verstandesmäßig begreifen, und auch mit nichts rechtfertigen. Vielleicht sollten wir aber genau deswegen damit aufhören, denn es gibt keinen Grund für ein unterschiedliches Maß. Vielleicht ist es höchste Zeit, unsere Haltung mit der wir zwischen „uns“ und „denen“ unterscheiden, über Bord zu werfen, denn genau sie bietet diesen Terrorregimes den Boden, den sie für die Ausbreitung ihres vernichtenden Hasses brauchen. Und vielleicht sollten wir endlich damit beginnen, für alle Städte und alle Menschen, die dem IS-Terror zum Opfer fallen, Solidarität zu zeigen und Lichter anzuzünden.