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Erste Hilfe alleine genügt nicht

Von Nikoletta Zambelis | Unser Umgang mit Flüchtlingen ist gekennzeichnet durch viel spontane Herzlichkeit und Mitmenschlichkeit — und einen erschreckenden Mangel an Organisation.

Ohne die zahlreichen Freiwilligen, die spontan und in Eigeninitiative an Bahnhöfen, Grenzen, in Städten, Heimen und Wohnhäusern Menschen auf der Flucht die Hand reichen, in der sich meist lebensnotwendige Güter befinden, spielten sich vermutlich noch weit größere Tragödien ab, als wir sie ohnehin tagtäglich verfolgen können. Dieser großartige solidarische Einsatz scheint jedoch darüber hinwegzutäuschen, dass nach erbrachter Ersthilfe konkrete Maßnahmen zu setzen sind, die professionell organisiert sein wollen, wenn den Menschen nachhaltig und integrativ geholfen werden soll.

Tee, warme Kleidung, Spielsachen und Hygieneartikel sind, ebenso wie ein erstes herzliches Lächeln nach Monaten gefährlicher Flucht, überlebenswichtige Gesten und Handlungen. Sie sind umso mehr zu schätzen, als sie von zahlreichen Menschen uneigennützig und spontan gesetzt werden. Die Verantwortlichen wie Bund, Länder und Gemeinden, aber auch bezahlte Organisationen wie z.B. ORS scheint das jedoch davon abzulenken, den angekommenen Menschen nach der Erstversorgung mit Struktur und Ordnung eine gute Ankunft und Betreuung zu sichern. So sind die materielle, organisatorische und integrative Unterversorgung von Menschen in Flüchtlingsheimen nicht zwangsläufig das Ergebnis eines ungebrochenen Zustromes, sondern schlicht der Ausfluss fehlender Organisation. Wenn in Traiskirchen Menschen auf

Meinung

der Wiese schlafen müssen, während am selben Areal Räume aus Brandschutzgründen nicht besiedelt werden dürfen, dann zeugt das von fehlender Organisation. Und wenn sinnvolle Hilfsangebote an das Flüchtlingsheim Reichenau wochenlang nicht behandelt und dann auf die lange Bank geschoben werden, so drängt sich auch hier ein Mangel an Organisation auf.

Nun ließe sich vortrefflich über die tatsächlichen Beweggründe dieses Handelns spekulieren. Unter dem Bogen, der sich von „das ist Absicht, weil man demonstrieren möchte, dass das Boot voll ist“, bis hin zu „die sind halt alle überfordert“ spannt, leiden jedenfalls Menschen, die ohnehin wenig zu lachen haben, ebenso wie deren Helfer. Denn auch jene, die sich aus Überzeugung und mit vollem Herzen um Menschen in Not kümmern, werden, wenn sie dauerhaft zwischen den Mühlen fehlender Organisation und mangelnder Professionalität zerrieben werden, irgendwann das Weite suchen.

Abseits fruchtloser Diskussionen über Fluchtmotive, fehlender europäischer Solidarität und rechtspopulistisch motivierter Angstszenarien gälte es, endlich eine professionelle Haltung und Organisation im Umgang mit Menschen zu entwickeln. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, Unfallopfer dauerhaft durch Ersthelfer behandeln zu lassen, während die Ärzte über die Gefahren des Autofahrens philosophieren.