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punktierte Linie

Kunst und Fingerspitzengefühl

Von Nikoletta Zambelis | Für wenige Stunden schmückte eine nahezu leere Bühne den Innsbrucker Marktplatz und stellte damit bewusst eine performative uns skulpturale Darstellung des Nichts dar — ein Kunstwerk eben.

Und weil Kunst nun einmal auch eine Sache öffentlichen Interesses ist, wurde dieses Nichts vom Land Tirol mit der nicht unerheblichen Summe von 18.000 Euro gefördert. Am Stammtisch wurde über Nichts noch selten lauter diskutiert.

Über Aussehen und Geschmack von Kunstwerken kann man pfleglich geteilter Meinung sein und den grünen Zweig auch in tagelanger Diskussion nie erreichen. Aber wie verhält es sich mit Kunst, die gar nicht da ist, oh pardon eigentlich schon da ist, aber nur nicht gesehen werden kann, weil sie eben das Nichts darstellt? Befände sich auf der sonst leeren Bühne ein Kaktus, ein Clown, irgendwas, fände man sich in einer normalen Geschmacksdiskussion wieder, aber ohne einen sichtbaren Beleg des künstlerischen Inhalts debattiert man auf einmal über Schwachsinn, Veruntreuung öffentlicher Gelder und Verhöhnung der Wähler.

Mit Sicherheit sitzen wir einem Irrtum auf, wenn wir nur jene Dinge als real vorhanden und damit

Meinung

förderungswürdig erachten, die man sehen oder sonst wie wahrnehmen kann. Religiöser Glaube ist dafür wohl das am besten bekannte Beispiel, denn an Götter kann man auch nur glauben oder eben nicht. Ihr Vorhandensein und ihren Sinn kann man bei intensivster Diskussion und Streiterei ebenso wenig belegen wie das Vorhandensein des Nichts. Dennoch wird viel Geld für Kirchen, Tempel und andere religiöse Symbole bezahlt.

Was die Stammtischdebatte jedoch schmerzlich ins Bewusstsein rückt, ist das unerfüllte Bedürfnis nach Umsicht und Fingerspitzengefühl. Denn bei allem Verständnis dafür, dass Kunst in all ihren schrägen Ausprägungen öffentlich gestützt werden muss, wollen wir uns nicht zu Barbaren rückentwickeln, sollte sie auch im Kontext des aktuellen Zeitgeschehens bewertet werden. Demnach gälte es wohl zu überdenken, ob es in einer Zeit weit verbreiteter Armut und existenzieller Not von ausgeprägtem Fingerspitzengefühl und einem G’spür für Menschen zeugt, für Nichts eine nicht unerhebliche Summe aus dem öffentlichen Säckl locker zu machen.