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punktierte Linie

Man lernt
nie aus

Von Nikoletta Zambelis | Es mag Zufall sein, dass die Erkenntnis, nie ausgelernt zu haben gerade mit dem Schulbeginn zusammenfällt, aber mit dem traurigen Ernst des Lebens hat sie gewiss zu tun.

Dann nämlich, wenn Politiker an runden Tischen wohlgenährt, in trockenen Stuben und frei von kriegerischer Verfolgung über die Fluchtmotive von Menschen urteilen, lernen wir, dass es klüger wäre, im Kriegsgebiet auszuharren als über die Grenze in ein Lager zu flüchten — zumindest was das spätere Begehren und Recht auf Asyl anbelangt.

In einer TV-Runde über den Umgang mit den aktuellen Flüchtlingsströmen konnte die Debatte über Kriegs- versus Wirtschaftsflüchtlingen natürlich nicht ausbleiben. Bereichert wurde sie von dem Urteil, dass jene Menschen, die jetzt in großer Menge in Nickelsdorf ankommen, mitnichten Kriegsflüchtlinge seien, denn sie kommen ja aus Lagern und nicht direkt aus dem Kriegsgebiet, was sie automatisch zu Wirtschaftsflüchtlingen macht. Und für Wirtschaftsflüchtlinge, bitteschön, das müsse man schon verstehen, können nicht dieselben Ansprüche gelten, wo kämen wir da schließlich hin.

Beim Versuch, das Gehörte zu verstehen, stolperte ich über die Frage von Ursache und (Aus-) Wirkung und komme zu folgendem Schluss: Verlässt man aufgrund kriegerischer Handlung und aus Angst um das Leben sein Land, ist man ein Kriegsflüchtling. Sucht man derart Schutz in einem Lager jenseits der Grenze, wartet dort ab, ob sich die Lage vielleicht wieder beruhigen würde, und stellt dann fest, dass einen nur mehr Weiterziehen vor dem sicheren Untergang retten wird, mutiert man zum Wirtschaftsflüchtling — ohne verankerten Anspruch auf Schutz und Hilfe. Die Logik dahinter kann wohl nur jene sein, dass einem im Lager schließlich nicht mehr nach dem Leben getrachtet wird und die wirtschaftliche und soziale Aussichtslosigkeit im Lagerleben ja nun

Meinung

wirklich kein Grund ist, abzuhauen und Hilfe zu fordern.

Nur so zum Versuch wende ich hier dieselbe Logik auf eine einheimische, nicht allzu weit zurück liegende Katastrophe an: Geschädigte einer Flutkatastrophe, die Haus und Hof verlieren und in Ausweichquartiere ziehen müssen, wären demnach keine Flutopfer mehr, sonder lediglich Opfer einer wirtschaftlichen Misere. Wo schließlich steht geschrieben, dass jeder sein eigenes Dach über den Kopf haben muss, mit festen Mauern rund herum und mit der Aussicht auf ein Privatleben? Ein Leben im Feuerwehrhaus oder Bundesheerzelt ist doch immerhin auch ein Leben, oder etwa nicht? Mit ein bisschen gutem Willen kann man so doch wirklich eine kurze oder auch lange Weile ausharren, ohne gleich Schutz und Hilfe zu begehren. Wäre man im halb weggespülten Haus sitzen geblieben, dann, ja dann wäre man noch ein Flutopfer. Man bekäme Unterstützung, Hilfe und Verständnis. Aber wer es aus Gründen der Bequemlichkeit (anständige Menschen blieben schließlich in ihrer Ruine, um sie wieder aufzubauen) vorzieht, in ein trockenes Zelt zu ziehen, das nicht droht einzustürzen, muss es sich schon gefallen lassen, als ein Wirtschaftsopfer bezeichnet und vor allem so behandelt zu werden. Am besten man schickte sie alle wieder zurück in ihre gefluteten Häuser.

Für unsere Flutopfer war dieses Szenario nur ein Gedankenexperiment, das in der Realität niemand fordern würde. Für unsere Mitmenschen aus Syrien ist das tägliche und gelebte Realität. Denn für die gilt die Regel: Lauf nicht um dein Leben und bring dich nicht in Sicherheit, denn wenn erst mal keine unmittelbare Gefahr mehr für dein Leben besteht, hast du jedes Recht auf Hilfe verloren.