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Nahrungssuche

Von Nikoletta Zambelis | Wirtschaftsflüchtling, Arbeitssuchender oder einfach auf Nahrungssuche?

Wollte ich versuchen, mein Leben in ein Drittland zu verlegen, um einer glücklicherweise (noch) hypothetischen, wirtschaftlichen Katastrophe zu entkommen, wird man mich vermutlich als flexibel und umsichtig planend bezeichnen. Tut mein Berufskollege aus Eritrea dasselbe, erhält er den Stempel Wirtschaftsflüchtling und wird verräumt. Was den Unterschied zwischen Planung und Flucht ausmacht, ist nicht nur auf den ersten Blick ziemlich undurchsichtig.

Wäre ich gezwungen, meine österreichischen Zelte aus wirtschaftlichen Gründen abzubrechen, um in einem vermeintlich wohlhabenderen Drittstaat Nahrung zu finden, würde sich mein Umzug nur geringfügig von jenem eines sogenannten Wirtschaftsflüchtlings unterscheiden:

In der Hoffnung, dass ich vor Ort leichter zu einem Arbeitsplatz komme als über ungelesene und halbherzig beantwortete Bewerbungen, mache ich mich also auf den Weg. Vorsorglich habe ich für die ersten Nächte auf booking.com eine günstige Pension gebucht, was dem Kollegen aus Eritrea vielleicht nicht möglich war. Macht das schon den Unterschied zwischen mir und einem Wirtschaftsflüchtling aus? Wohl kaum. Meine Anreise gestalte ich tunlichst kostengünstig per Billigflug oder doch mit der Bahn, beides vermutlich billiger als per Schlepper. Ist das der Unterschied zwischen einer umsichtigen Mitteleuropäerin und einem Wirtschaftsflüchtling aus Afrika? Sollte ich nicht unterwegs schon auf gleichgesinnte ÖsterreicherInnen gestoßen sein, werde ich wahrscheinlich in der Fremde versuchen, Kontakte zur Community zu knüpfen. Warum

Meinung

nennt mich dann immer noch niemand einen integrationsunwilligen Wirtschaftsflüchtling? Warum kann ich in meiner Pension wohnen bleiben, und der Eritreer kommt in ein Zeltlager? Es ist unschwer zu erraten, dass ich folglich leichter bei potenziellen Arbeitgebern vorstellig werden kann, als jemand, der unter Dauerobservation steht und ins Zelt oder auf eine entlegene Alm gesperrt wird.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es zwischen dem Kollegen aus Eritrea und mir keinen sachlichen Unterschied gibt, außer jenen, dass es unsere Kontroll- und Angstmechanismen sind, die den Afrikaner überhaupt erst zum Wirtschaftflüchtling machen. Bevor wir ihn erfassen, katalogisieren und abstempeln, ist er ein Arbeitssuchender wie ich. Bevor wir ihm jeden Bewegungsspielraum nehmen, ist er ein Arbeitssuchender wie ich. Bevor wir ihn an einem entlegenen Ort verstauen, ist er ein Arbeitssuchender wie ich.

Menschen sind seit Urzeiten auf Wanderschaft und in Bewegung, um Arbeit für Nahrung zu finden. Jetzt gerade sind es Afrikaner, morgen sind es vielleicht wieder wir. Vielleicht hat die menschliche Spezies nur deshalb bis heute überleben können, weil sie ihrer Nahrung stets nachgewandert ist. Das sollte uns Siedlern, Sesselklebern und Revierverteidigern zu denken geben. Denn gemütlich sitzen zu bleiben, alle Wanderer als Wirtschaftsflüchtlinge zu bezeichnen und als Störenfriede in Zeltstädte zu sperren, bewahrt uns nicht davor, eines Tages selber wieder unserer Nahrung nachziehen zu müssen.