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Sommerliche
Tipp-Wut

Von Nikoletta Zambelis | Keine andere Jahreszeit, ausgenommen vielleicht Weihnachten, das man kaum als Jahreszeit bezeichnen kann, beschert uns derartig viele überlebensnotwendige Tipps wie der Sommer.

Egal mit welchem Wetter er daher kommt, inspiriert er Medien aller Art dazu, uns mit dermaßen viel Rat zu er erschlagen, dass man meinen könnte, wir wären unfähig, das Leben im Sommer zu meistern.

Selbst wenn man die bereits im Frühjahr beginnende Tipp-Wut zum Thema Bikinifigur außer Acht lässt (im Sommer käme sie auch deutlich zu spät), laufen mit Beginn der Ferienzeit die Ratgeberredaktionen zur Höchstform auf. Zielführendes Enthaaren ebenso wie der ultimative Tipp zum Erhalt der Bräune, garantiert gelingende Grillrezepte und Empfehlungen für den harmonischen Urlaub bilden ab Juni den Auftakt.

Beschäftigungstherapien für Kinder während der Reise erfreuen gemeinsam mit Konsumentenschutzinformationen über Hotels und Roaminggebühren das Urlauberherz während der gesamten Saison, und Informationen zur Vermeidung illegaler Übergriffe auf Haus, Wohnung, Autoinhalt und Geldtasche wiegen uns während der gesamten Zeit in Sicherheit.

Tipps zu abwesenheitsbedingten Pflanzenpflege, sonnenbedingten Hautpflege und prophylaktischen Nachbarschaftspflege gehen wie nebenbei von selber mit. Mit Listen für die richtig gepackte Urlaubsapotheke fühlen wir uns

Meinung

endgültig richtig ausgestattet. Wetterabhängige Ratschläge krönen diese Flut an überlebenswichtigen Informationen. Regnet es in Strömen, werden Alternativprogramme für den Urlaub angeboten, heizt uns der Sommer ein, gibt es Ratschläge für das immer noch korrekte Business-Outfit, die erforderliche Flüssigkeitszufuhr, einen einigermaßen erholsamen Schlaf und den perfekten Mord an Moskitos.

Dass gerade der Sommer zu derart vielen Tipps inspiriert, kann mehrere Gründe haben: Entweder gehen den Redaktionen die schlechten Nachrichten und damit der übliche Gesprächsstoff aus, was tröstlich wäre. Oder aber Redakteure und Redakteurinnen glauben, dass wir es ohne all diese Ratschläge nicht durch den Sommer schaffen könnten, und überschütten uns deshalb so fürsorglich damit. Es könnte aber auch sein, dass wir diese Hilfestellungen tatsächlich benötigen und ohne sie wirklich nicht in der Lage wären, eine Jahreszeit zu bewältigen. In Hinblick auf unsere Lösungskompetenz für die übrigen drei Jahreszeiten müsste uns das zu denken geben.

Sollte das tatsächlich der Fall sein, hätte ich sicherheitshalber auch noch einen Tipp für Redaktionen parat: Herbstratgeber unbedingt jetzt schon planen.