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punktierte Linie

Das eine und das
andere G’sindel

Von Nikoletta Zambelis | Eine kurze Betrachtung über Schwarzfahrer, Blauwähler und Radfahrer.

Mit wachsender Besorgnis frage ich mich bei jedem Stimmenzuwachs der FPÖ: Wer wählt die eigentlich? Wenn ich in meinem nicht ganz kleinen persönlichen Netzwerk nachfrage, schüttelt jeder den Kopf. „Nein ich wählen sicher nicht blau“, und jeder beteuert gleichzeitig, auch niemanden zu kennen, der dem menschenverachtenden, rechten H.C. Strache seine Stimme gibt. Wo ist er (und natürlich auch sie) dann, jeder zehnte Innsbrucker oder jeder dritte Einwohner von St. Jakob in Osttirol? Nach jedem vierten Steirer frag ich gar nicht erst.

Gestern traf ich ihn im Bus.

Auslöser für die Wortspende eines Fahrgastes, aus der einschlägiges Gedankengut hervorquoll, war eine Fahrscheinkontrolle, der ein dunkelhäutiger junger Mann mit Rastalocken zum Opfer fiel. „G’sindel!“, hörte ich aus der zweiten Reihe vor mir. „Müsste man alle zusammenpacken und wieder zurückschicken. Was haben die hier verloren? Leben auf unsere Kosten, und dann fahren sie auch noch schwarz.“ Ein gleicher Art ertappter alkoholisierter Ur-Innsbrucker der viel eher den Eindruck machte, auf Kosten der Allgemeinheit sein Dasein zu bestreiten, fuhr ebenfalls schwarz, aber unter dem Motto „Mia sein mia“ schien des einen Schwerverbrechen des anderen Kavaliersdelikt zu sein.

Und dann kam, um der bereits geäußerten Xenophobie zusätzliches Gewicht zu verleihen, folgendes kaum zu überbietendes Argument: „Die sollen doch bleiben, wo sie herkommen. Was wäre

Meinung

denn aus Österreich geworden, wären wir nach dem Krieg nicht da geblieben. Schließlich sind wir ’45 auch nicht einfach abgehaut.“ „Leider!“, wäre mir beinahe über die Lippen gekommen, aber welchem Staat wünscht man schon Bürger mit einer Haltung, die auch noch mit 1945 und früher datiert.

Mir drängte sich die Frage auf, wer denn aber nun das wahre G’sindel ist, vor dem wir uns in Acht nehmen müssen? Sind es tatsächlich Asylantinnen in Zeltstädten, Migranten, die schwarz fahren, und minderjährige Kriegsflüchtlinge, die ihr junges Leben lang noch keinen Frieden erlebt haben? Oder sind es jene zehn Prozent Tiroler, 25 Prozent Steirer und mindestens 20 Prozent Österreicher, die der menschverachtenden blauen Polemik zujubeln, sie wählen und stärken und damit deutlich machen, dass sie aus der Geschichte nichts gelernt haben? Oder sind es jene Mitmenschen, die 1945 geblieben sind und wissen, wohin Ausgrenzung und Polemik gegen einzelne Bevölkerungsgruppen führen kann, aber statt dieses Wissen weiterzugeben und so für Kalmierung, Weitsicht und Toleranz zu sorgen, die blaue Glut noch zusätzlich anfachen?

Wäre die Situation nicht so besorgniserregend und das G’sindel nicht so allgegenwärtig, müsste man über das Ende der Geschichte schon fast wieder lachen. Als besagter Herr den Bus verließ, wurde er beinahe von einem Radfahrer gerammt.

„Radelfahrer-G’sindel!“, schimpfte er dem Verkehrssünder hinterher.