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punktierte Linie

60 Jahre ohne Besatzer…

Von Nikoletta Zambelis | …oder: Wie es nach dem Zweiten Weltkrieg für Österreich auch hätte ausgehen können.

Das breit zelebrierte Jubiläum des Abzugs aller Besatzungsmächte aus Österreich inspiriert mich, darüber zu phantasieren, was geschehen wäre, wäre nichts geschehen. Tirol befände sich noch in französischer Hand, Salzburg in amerikanischer. Im Haiderland wäre um 17 Uhr Teatime, und wer nach Wien reisen wollte, müsste durch russisches Territorium.

In Innsbrucks Innenstadt stünden statt italienischer Speisekarten Menüs in französischer Übersetzung zu Auswahl, wenn es denn überhaupt eine Auswahl gäbe. Leicht möglich, dass uns die Besatzer keine Wahl gelassen hätten und statt Gulasch und Palatschinken Pot au Feu und Crepes auf die heimischen Teller gekommen wäre. Zugegeben, es könnte schlimmer sein, und es wäre schlimmer, denn Besatzer prägen nicht nur kulinarische Entwicklung. Alle Ämter wären fest in französische Hand, die Amtssprache wäre französisch und Deutsch würde zur Sprache des Untergrunds mutieren. Kinder würden sie eines Tage gar nicht mehr sprechen oder zu Freiheitskämpfern werden. Apropos Freiheit, mit der sähe es natürlich auch schlecht aus und Auflehnung hätte letale, zumindest jedoch fatale Folgen.

Tourismus, wenn man von ein paar mitleidigen UNO-Touristen und dem jährlichen Papstbesuch absieht, gäbe es natürlich keinen, wer reist schließlich gerne in ein besetztes Land. Demzufolge würde sich Wohlstand auf die Besatzungsmacht und ein paar Kollaborateure

Meinung

konzentrieren, der Rest stünde auf Feldern und in Fabriken der Besetzer oder müsste am Stadtrand betteln. Arbeitsrecht, so es denn überhaupt eines gäbe, würde in Französisch gesprochen, Erfüllungsort und Gerichtsstand wären Paris. Da klage mal jemand seinen Arbeitgeber.

An Auswanderung ins liberaler scheinende Salzburg wäre kaum zu denken, denn offizielle Passierscheine gäbe es nur gegen Bares und Flucht wäre ein gefährliches Unterfangen. Selbst wenn man über Kitzbühel (mit französischen Villen, ohne Hahnenkammrennen) nach Saalbach gelangte, was würde einen dort erwarten? An Kleidung und Sprache unschwer als Ausländer identifizierbar, würde man von den Nachbarn kaum mit offenen Armen empfangen, um das wenige, das sie hätten, auch noch mit anderen Mäulern zu teilen. Die amerikanischen Besatzer würden vermutlich kurzen Prozess machen und mittels WhatsApp an die französischen Kollegen recht schnell die Rückführung erwirken. Fluchthilfe wäre auch unter Besatzern kein Kavaliersdelikt. Was mit Verrätern oder illegal Geflüchteten daheim geschähe, kann man sich leicht ausmalen.

Und all das wäre nicht in grauer Vorzeit passiert, sondern ist gerade mal ein Großelternleben her und ist uns nur mit einer riesigen Portion Glück erspart geblieben. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir uns heute unserer Leistungen rühmen und mit vollen Bäuchen aus dem sicheren Stübchen darüber urteilen, wie sich Menschen, die aus besetzten Gebieten flüchten, verhalten sollen.