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punktierte Linie

Kein Schwein
ruft mich an

Von Nikoletta Zambelis | Über Einsamkeit in Zeiten schrankenloser Kommunikation.

Als in den 1980er Jahren die Durchdringung österreichischer Haushalte mit Anrufbeantwortern ihrem Höhepunkt entgegensteuerte, stellte das aus damaliger Sicht zwar eine scheinbare Freiheit dar, gleichzeitig wurde aber auch soziales Desinteresse deutlich sichtbar. Heute, mehr als 30 Jahre später, tut WhatsApp mehr desselben.

Mit der Anschaffung eines Anrufbeantworters, kurz AB genannt, konnte man endlich sicher sein, keinen wichtigen oder auch weniger wichtigen Anruf zu verpassen. Vorbei die Zeiten, in denen einen das Festnetztelefon, auf den Anruf des Schulballflirts, der besten Freundin, der ersehnten Stelle wartend, ans Zuhause fesselte. Wie unendlich frei machte uns das Gerät mit dem kleinen Tonband, das heute noch Menschen Nachrichten „auf dem Band“ deponieren lässt. Und wie traurig war gleichzeitig die Erkenntnis, dass einen niemand vermisst oder gesucht hatte, wenn nach zweitägiger Abwesenheit nicht nur keine Nachricht auf dem AB hinterlassen worden war, sondern noch nicht einmal das rote Lämpchen blinkte. Konnte man sich vor dem AB noch der trügerischen Hoffnung hingeben, dass reihenweise Anrufer einen eben nicht erreicht hätten, so wurde mit dem AB schlagartig klar: Sie hatten es noch nicht einmal versucht.

Die Anrufliste des Mobiltelefons war und ist letztlich nur die logische Fortsetzung desselben traurigen Phänomens, doch WhatsApp toppt nun das, was nicht mehr überbietbar schien. Das geht

Meinung

los mit den kleinen grauen Häkchen, die einen förmlich zwingen, sklavisch zu verfolgen, ob die verschickte Nachricht endlich gelesen worden sei. Die Feststellung, dass die Haken nicht und nicht blau werden wollen, lässt eine Reihe von Interpretationen über des Empfängers Interesse an der Message und/oder ihrem Versender zu. Was einem allerdings endgültig das Gefühl von Desinteresse vermitteln kann, sind WhatsApp-Gruppen, in die man entweder gar nicht eingeladen oder aus denen man wieder ausgeladen wird. Erinnerungen an die Bildung von Völkerballmannschaften werden wieder wach, die man lieber unter Verschluss gehalten hätte. Doch geschah der Ausschluss am Spielfeld wenigstens noch von Angesicht zu Angesicht und unmittelbar, so richtet einem die WhatsApp-Gruppe heute weit subtiler aus, wenn an Mitspielern kein Interesse besteht. „Ach du bist ja gar nicht in unserer Gruppe“, lautet die retrospektive Erklärung dafür, dass sich die Prosecco-Runde ohne einen traf oder aber ein hellblauer Balken informiert einen emotionslos und ohne Angabe von Gründen über den Ausschluss aus derselben.

Einsamer ist es da vielleicht nur noch für jene, die die Stirn haben, sich WhatsApp erst gar nicht zuzulegen und auf den inzwischen in die Jahre gekommenen Telefonanruf warten. Denn selbst telefoniert wird inzwischen über WhatsApp und Klassiker wie Anrufliste und Sprachbox bleiben leer und bestätigen einmal mehr: „Kein Schwein ruft mich an.“