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Der schönste Tag im Leben

Von Nikoletta Zambelis | Der herannahende Wonnemonat Mai ruft die milliardenschwere Hochzeitsindustrie auf den Plan und damit den schönsten Tag im Leben aus.

Wenn allerdings der Tag der Hochzeit den Stempel des schönsten Tages im Leben trägt, drängen sich zwangsläufig zwei Gedanken auf. „Das Leben vor der Hochzeit war nicht schön (genug)“ und „Nach der Hochzeit kann es nur mehr schlechter werden?“ Beides sind keine besonders erquickenden Vorstellungen.

Von unscharf hochgerechneten 25.550 Lebenstagen ausgerechnet jenen als den schönsten zu bezeichnen, an dem die Hochzeitsglocken läuten, kann vermutlich nur dem wirren Geist eines Marketingprofis entsprungen sein. Denn wer schon einmal eine Hochzeit geplant oder überstanden hat, weiß, dass das in den allermeisten Fällen Stress in Reinkultur darstellt. Was aber noch viel bedenklicher stimmt, ist der Umstand, dass das gebetsmühlenartig propagierte „Die Hochzeit ist der schönste Tag im Leben“ Erwartungshaltungen nährt, die gar nicht anders können, als zu scheitern.

Denn welches Licht wirft es auf die vorangegangenen Lebenstage, in denen man nicht verheiratet durchs Leben irrte, wenn doch erst der Tag der Hochzeit der schönste im Leben werden darf. Wenn er dann auch noch als der schönste Tag im Leben einer Frau bezeichnet wird, wird klar, dass erst mit dem hingehauchten Ja der Braut ihr

Meinung

Leben einen Sinn bekommt. Alles, was bis dahin geschah mag bestenfalls ganz nett gewesen sein, so richtig schön wird’s aber erst vor dem Altar. Spätestens jetzt müsste man à la Julia Roberts fluchtartig die Szene verlassen.

Doch tun wir für einen Moment einmal so, als ob das ganze Leben vor der Hochzeit tatsächlich nur darauf ausgerichtet gewesen sei, den passenden Deckel für den Topf zu finden. Was dann, wenn dieser gefunden und geheiratet wurde? Welche Zukunftsperspektive hat ein Paar, dessen schönster Tag sich gerade dem Ende zuneigt? Der Superlativ lässt ja nun leider keine schöneren Tage mehr zu, ja noch nicht einmal gleich schöne. So bleiben also nur mehr weniger schöne Tage, die man fürderhin miteinander verbringen wird. Kein Wunder also, dass man schon bei der Eheschließung vor den schlechten Zeiten warnt, denn die kommen nicht erst nach den Flitterwochen, sondern brechen schon anderntags an. Wen kann es da noch überraschen, dass sich Paare angesichts reihenweise schlechterer Tage zwangsläufig auch wieder trennen müssen. Außer vielleicht jenen, denen von Anfang an klar war, dass nicht die Hochzeit der schönste Tag im Leben sein darf, sondern jeder, an dem man gesund und munter aufwacht und mit etwas Glück einen Seelenverwandten an seiner Seite hat.