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punktierte Linie

Alle suchen,
keiner findet

Von Nikoletta Zambelis | Die zuletzt veröffentlichten Zahlen, die von 10,5 Prozent Arbeitslosen oder beinahe einer halben Millionen Arbeitssuchenden in Österreich sprechen, sollen alarmieren.

Die Frage ist bloß, wer genau sollte damit wachgerüttelt und zu welchen konkreten Taten aufgefordert werden? Denn spricht man mit Arbeitgebern, hört man vielerorts: Wir finden kein Personal. Gleichzeitig darf bezweifelt werden, dass es sich zwischen erfolglos suchenden Arbeitgebern und ebensolchen Arbeitnehmern lediglich um ein Kommunikationsproblem handeln könnte. Auch in der weiblichen Arbeitswelt dürfte sich das nicht anders verhalten.

Wie kommt es also, dass einander diejenigen die Arbeit zu bieten und jene die selbige suchen, nicht finden können?

Blättert man sich durch gedruckte oder virtuelle Tageszeitungen oder spricht mit Firmenchefs, so stellt man ein sehr großes Angebot an Arbeitsplätzen fest. Manche Inserate begegnen einem sogar so oft, dass man, selbst unter Anrechnung voreilig gebuchter Paketschaltungen, meinen könnte, die suchende Firma verschleiße ihr Personal. Logisch fertig gedacht, kann die Arbeitslosenrate demnach nicht ausschließlich von der Anzahl verfügbarer Arbeitsplätze bestimmt sein, denn derer gibt es genug bzw. diese lassen sich kaum besetzen.

So scheinen beispielsweise Berufe wie Zahnarztassistentin, Koch oder Kellner sehr an Attraktivität eingebüßt zu haben, weil Bezahlung oder Arbeitszeiten (oder beides zusammen) nicht den ausreichenden Anreiz bieten, dem „Stempelgeld“ Lebewohl zu sagen. Doch wer ist hier gefordert? Die Unternehmen, die attraktivere Arbeitsplätze schaffen sollten oder die öffentliche Hand, die bei Vorhandensein einer zumutbaren Stelle das Arbeitslosenentgelt streichen könnte? Vielleicht liegt es aber auch an der Haltung mancher Arbeitssuchenden, denen nach

Meinung

abgebrochener Ausbildung schlicht die Lust fehlt, ihre „Der-Staat-muss-sich-um-mich-kümmern“-Haltung an fünf freien Tagen pro Woche gegen einen Fünf-Tages-à-acht-Stunden-Job einzutauschen.

Es könnte aber auch ganz einfach daran liegen, dass die Qualifikationen, die der Arbeitsmarkt benötigt, mit dem, was junge Menschen von zu Hause, den Schulen oder den Ausbildungsstätten vermittelt bekommen, schlicht nicht kompatibel sind. Wenn junge Frauen auch heute noch im Alter von 15 Jahren ihre Ausbildung abbrechen, und mit Hinblick auf eine ohnehin folgende Verehelichung (und damit vermutete Versorgung) von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob tingeln, ist das ein Alarmsignal. Wenn junge Burschen nach vier Saisonen Club-Med-Animations-Erfahrung meinen, ausreichend für eine Führungsposition qualifiziert zu sein, ist das ein Alarmsignal. Und wenn junge Menschen in den Schulen nicht auf aktuelle fachliche und soziale Anforderungen des Arbeitsmarktes vorbereitet, sondern mit alten, unbrauchbaren Zöpfen gepiesackt werden, die schon gestern Schnee von gestern waren, so ist auch das ein Alarmsignal. Doch diese Herausforderungen löst man nicht, indem man unreflektiert Arbeitslosenzahlen in den Raum posaunt, die Zuwanderer dafür verantwortlich macht und mit dem politischen Angst-Kleingeld klimpert.

Diese Herausforderungen verlangen bewusstes Hinschauen, detaillierte Analyse und bereichsübergreifende Zusammenarbeit auf politischer aber auch auf sozialer Ebene. Vor allem aber benötigt es die Bereitschaft, in Erwägung zu ziehen, dass wir kein Arbeitslosenproblem haben, sondern inzwischen ein massives Qualifizierungsproblem.