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punktierte Linie

Betteln zur
Primetime

Von Nikoletta Zambelis | Der Bettler mit seinem Becher, in dem ein paar Münzen klappern, schleppt sich an seiner Krücke an den Genießer heran, der gerade freudvoll in sein Kiachl beißt.

In einer Mischung aus schlechtem Gewissen und Abscheu wendet der sich ab und fordert ein Bettelverbot auf dem Christkindlmarkt, und wenn man schon beim Verbieten ist, dann doch bitte auch gleich für Oster- und andere Gelegenheitsmärkte. Zur Hauptgenusszeit beim Genießen gestört zu werden, geht schließlich gar nicht. Im Zauberspiegel tut sich hierzu noch ein weiteres Bild auf: Betteln mag für Armut stehen, aber sicher nicht für Dummheit. Denn dann zu betteln, wenn die meisten Menschen unterwegs sind, denen das Geld gerade locker in den Taschen sitzt, ist doch wesentlich intelligenter und zeugt von hoher beruflicher Kompetenz, als es dann zu tun, wenn dieselben Menschen gehetzt vom Bus in die Arbeit eilen.

Natürlich ist es lästig, wenn man mitten im freudvollen Genuss gestört und die Aufmerksamkeit auf etwas gelenkt wird, das man eigentlich nicht sehen möchte. Allerdings bedient sich die millionenschwere Werbeindustrie genau derselben Methode und konfrontiert uns mit ihren Botschaften genau dann, wenn wir sie überhaupt nicht brauchen können. Mitten im schönsten Liebesfilm oder knapp vor der Auflösung eines spannenden Thrillers von einem Internetanbieter im Schafskostüm gestört zu werden, ist mindestens genau so lästig und auch nicht das, was man kurz vor dem Zubettgehen gesehen

Meinung

haben muss. Ein Verbot der Ausstrahlung zur Primetime und die Verschiebung auf 3 Uhr morgens zu fordern, käme allerdings niemandem in den Sinn, und wenn doch, würde man sich der Lächerlichkeit preisgeben.

Auch bei der Intention lassen sich keine allzu großen Unterschiede erkennen, zielen doch sowohl Werbung als auch Bettelei auf dasselbe Ziel ab: Beide wollen unser Geld. Doch gegen Werbung im Hauptabendprogramm ist dann doch noch niemandem ein Verbot eingefallen. Und selbst wenn die Bildchen der Spots manchmal netter anzusehen sind als ein humpelnder Mensch an einer viel zu kurzen Krücke, so muss man Bettlern anerkennend zugute halten: Auf diese Art und Weise Geld zu verdienen, ist eindeutig der härtere Job als in einem Werbespot das Schaf zu mimen (obwohl auch das nicht unbedingt ganz angenehm sein dürfte). Würde jedenfalls ein Vorgesetzter seine Mitarbeiter kniend auf nichts als einer Stoffdecke arbeiten lassen, er wäre mit Sicherheit ein Fall für das Arbeitsgericht.

So gesehen ist das Jobprofil eines Bettlers höchst komplex und sicherlich nicht von jedem erfüllbar. Denn neben körperlicher Fitness ist jene Marketingexpertise gefragt, die selbst manchen Geschäftstreibenden fehlt, nämlich dort auf dem Weg zu sein, wo die Kunden sind.