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Es kommt doch auf die Größe an

Von Nikoletta Zambelis | Von großen und kleinen Katastrophen, großen und kleinen Ablenkungsmanövern.

Verfolgt man die täglichen Nachrichten konsequent, muss man zum Eindruck gelangen, die Welt gerate völlig aus den Fugen. Spekulationen auf Staatspleiten und Lebensmittel erzeugen ebenso Gänsehaut wie terroristische und kriegerische Angriffe in Nah und Fern. Katastrophenmeldungen zu offenen Türen zwischen Raucher- und Nichtraucherbereichen, nicht umgesetzten Allergenauszeichnungen oder vergessenen Binnen-I scheinen Gesetzgeber wie Öffentlichkeit jedoch weitaus mehr zu beschäftigen. Da drängt sich doch die Frage auf, ob wir noch die richtigen Prioritäten setzen.

Natürlich kann man angesichts der großen Dramen nicht nonchalant über die Kleineren hinwegsehen. Wo würde es uns auch hinführen, wenn angesichts der Anschläge in Paris keiner mehr Übertretungen der Straßenverkehrsordnung ahnden würde und wenn die Errungenschaften des Gender Mainstreamings oder des Tabakgesetzes über Bord geworfen würden, weil der IS Menschen hinrichtet. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass, während vergleichsweise kleine Vergehen die Gesetzesdebatten auf nationaler und internationaler Ebene dominieren, die wirklich großen Vergehen ungeregelt aber dafür durchschlagend passieren.

Nehmen wir beispielsweise die Waffen, die der IS bezieht, um seine Gräueltaten zu begehen und seine kriminellen Überzeugungen durchzusetzen. Sehr wahrscheinlich basteln sich die Herrschaften ihre Waffen nicht selber, sondern bekommen sie, von wem auch immer, geliefert. Doch auch den

Meinung

Lieferanten fallen sie nicht einfach in den Schoß, sondern sie beziehen sie aus Fabriken, wo diese Waffen hergestellt werden. Der Geschäftsführer oder vielleicht sogar Besitzer einer solchen Fabrik verdient mit der massenweisen Herstellung des todbringenden Werkzeuges gutes Geld, ach was sag ich, sehr gutes Geld. Da drängt sich doch die Frage auf, warum die Werke von Philip Morris per Gesetz zur Auszeichnung der möglichen letalen Auswirkungen ihrer Produkte verpflichtet werden, während der Handel mit Waffen fröhlich und ungekennzeichnet vor sich hin blüht. Anders ausgedrückt, versucht man mit Raucherverboten Menschen vor dem Passivrauchen zu schützen, doch wie werden Hunderttausende von Toten oder Gefährdeten vor den Folgen von Waffenhandel und der Verwendung von Waffen geschützt?

Eine Spur banaler ließe sich auch fragen, wieso Gastwirte ihre Gäste vor dem Konsum von Erdnüssen schützen müssen, aber Staaten ihre Bürger nicht vor dem Vorhandensein von Terroristen oder Waffen?

Ich kann mich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass wir mit der peniblen Regelung vergleichsweise kleiner Gefahren in einer Art Anscheins-Sicherheit gewiegt werden, um uns von den wirklich großen Katastrophen, die uns ungeregelt aber dafür nachhaltig um die Ohren fliegen, abzulenken. Anders ist es mir nicht erklärlich, warum der nicht gekennzeichnete Sellerie zu Strafen führen kann, aber die Produktion und Auslieferung tausender Boden-Luft-Raketen offensichtlich nicht.