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punktierte Linie

Ein
Schuldenschnitt

Von Nikoletta Zambelis | Es gibt derzeit kaum einen Stammtisch, an dem die aktuellen Bemühungen der neuen griechischen Regierung um Schuldenerlass nicht zumindest für eine halbstündige Expertendiskussion gut sind.

Von wahren Griechenlandkennern über selbst ernannte Politikexperten bis hin zu Profis in europäischer Hochfinanz haben alle eine klare Meinung zum Ansinnen von „Alexander dem Neuen“, und diese Meinung lautet immer: „Also so kann es ja nicht gehen!“ Ungeachtet dessen, wie die Geschichte ausgehen mag, muss man dem neuen griechischen Regierungschef Alexis Tsipras jedoch zugestehen: Sein Ansinnen ist legitim.

Nach gängiger Stammtischmeinung sollte sich jemand, der eh schon einen Berg an Schulden hat, nicht nur reformwillig und rückzahlungsbereit, sondern in erster Linie auch still und unauffällig verhalten. Da Tsipras und seine Mannen davon aber nicht viel zu halten scheinen, ist nun Empörung angesagt. Den fehlenden Reform- und Zahlungsmöglichkeiten konnte man noch irgendwie mit Mitleid oder im schlimmsten Falle mit Zynismus begegnen. Aber dass nun einer daher kommt und laut tönt, seine Schulden erlassen haben zu wollen, geht ja nun wirklich zu weit. Dabei blenden wir offensichtlich aus, dass im Großen nichts anderes passiert als was im Kleinen gang und gäbe ist. Jeder, der sich selber schon einmal in einer finanziellen Notsituation befand oder befindet, kennt dieselben Phänomene:

Gute Ratschläge von außen, wie man das eigene Haushaltsbudget in den Griff bekommen könnte,

Meinung

will man nicht hören oder kann sie nicht umsetzen. Um die Gläubiger macht man zuerst noch einen großen Bogen, um dann, wenn sie einem zu sehr auf die Pelle rücken, ein Set an Ausflüchten, Erklärungen und rosa gefärbten Zukunftsbilderm hervor zu zaubern. Ziehen die Halsabschneider von Geldverleihern dann immer noch nicht ab, bleibt einem fast nur noch die Flucht nach vorne. Also müssen aller Mut zusammengenommen und eine große Klappe riskiert werden, um Gläubiger davon zu überzeugen, dass sie einem die alten Schulden besser erlassen, wenn sie nicht riskieren wollen, noch mehr Geld zu verlieren. Denn da man einem Nackten bekanntlich nichts mehr ausziehen kann, wäre es ja wirklich klüger ihm Kleidung zu geben, als ihn zu häuten — im ersteren Fall kann er wenigstens noch etwas leisten, im zweiteren wäre er einfach tot, allein die Schulden wären dann noch immer nicht beglichen. Diese Mechanismen lassen sich an Häuselbauern ebenso beobachten, wie an Verlängerern von Handyverträgen, an großen und kleinen Firmen genau so wie an Staaten.

Derselben nachvollziehbaren und legitimen Logik folgt nun Griechenlands neue Regierung. Anstatt uns also an den Stammtischen die Schnäbel über sie zu wetzen, sollten wir uns unsere eigene Schuldner- oder Zahlungsmoral vor Augen führen. Denn keine andere legt Alexander der Neue an den Tag.