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punktierte Linie

Jetzt erst
recht(s) nicht!

Von Nikoletta Zambelis | Es ist brandgefährlich, nicht mehr zwischen Recht und Unrecht, sondern nur noch zwischen „uns“ und den „anderen“ zu unterscheiden.

Während diese Zeilen entstehen, tippen andernorts vermutlich die Propagandaschreiber rechter und rechts-rechter Spaltpilze anti-Islamische Parolen und bereiten sich Pegida-Anhänger auf Spaziergänge durch noch mehr deutsche und demnächst auch durch österreichische Städte vor. Ihr gleichermaßen simples wie fatales Rezept „Verbreite Angst und positioniere dich dann als Retter!“ erhält durch die jüngsten Ereignisse in Paris die Nahrung, die jedes Propagandaherz höher schlagen lassen muss. Lassen wir uns von dieser Propaganda beeinflussen, haben nicht nur die Spaltpilze gewonnen.
Die Attentate von Paris sind abscheulich, entsetzlich und in gewisser Weise angsteinflößend. Letzteres umso mehr, als die Morde nicht irgendwo im fernen Kabul stattfanden, sondern quasi vor der Haustüre, mitten in unserem sicheren Europa, in der Stadt der Liebe. Wenn wir ehrlich sind, hätten uns „Zwölf Tote bei einem Attentat in Kabul“ vermutlich längst nicht mehr so ins Herz getroffen. Für rechte Propaganda wäre Kabul daher auch nicht wirklich gut zu gebrauchen. Aber ein Angriff auf die Pressefreiheit gleich ums Eck, das gibt schon was her. Damit könnte man selbst jene Gutmenschen mobilisieren, die bisher Bewegungen wie PEGIDA mit einem Achselzucken abgetan haben. Denn Angst um die Sicherheit vor der eigenen Haustüre stellt nun einmal einen guten Nährboden für selbsternannte Retter dar. Welcher Gesinnung diese sind, hat schon in der Vergangenheit bedauerlicherweise wenige interessiert.

Meinung

Und genau diese Gesinnung ist terroristischem Gedankengut nicht ganz fern: Es wird nicht mehr zwischen Recht und Unrecht, zwischen gut und böse unterschieden, sondern lediglich zwischen „uns“ und den „anderen“ differenziert. Es zählt nicht mehr, was jemand tut (oder unterlässt), sondern was jemand ist und welcher Glaubensrichtung er angehört. An dieser fatal analogen „0″ oder „1″ Überzeugung orientiert sich dann alles Tun zu jedem Preis. Dieser Haltung fallen folglich Menschen zum Opfer, hier bei uns ums Eck, vor unserer eigenen Haustüre. Geschäftspartner, Freunde, Verwandte, Nachbarn oder völlig Unbekannte werden stigmatisiert, weil sie zu den „anderen“ gehören. Erlauben wir dieser Haltung ihre Verbreitung oder unterstützen sie gar, erlauben wir Ausgrenzung, Diffamierung und in weiterer Folge Kriminalisierung und Selbstjustiz. Dem vermeintlichen Schutz, den man uns damit weismachen will, opfern wir Werte wie Toleranz, Aufgeschlossenheit und Religionsfreiheit. Damit geben wir unserer Aufklärung und unserer schmerzhaften und blutigen Entwicklung den Genickschuss, der uns in braune Vorzeiten zurück katapultiert. Damit haben dann nicht nur die Spaltpilze gewonnen, sondern vor allem jene verachtenswerten Terroristen, auf die wir heute noch so aufgeklärt herabblicken. Denn dann haben wir ihnen sehenden Auges erlaubt, von unseren Herzen, unseren Werten und unserem Tun Besitz zu ergreifen, indem wir ihr Dogma im Abendland auch noch selber umsetzen.