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punktierte Linie

Auffallend
geschmacklos

Von Nikoletta Zambelis | Über Werbung und deren Grenzen.

Werbung muss auffallen, keine Frage, würde sie ja sonst an ihrem ureigensten Ziel vorbei entwickelt werden. Um also Noch-Nicht-Kunden oder noch falsch orientierte Kunden zu gewinnen, überschlägt sich die Werbeindustrie mit immer auffälliger werdenden Botschaften. Manche davon schrammen knapp an der Grenze von Pietät und Anstand vorbei, andere überschreiten sie sogar. So will uns neuerdings ein Anbieter für Mobiltelefonie sein Produkt im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft machen, indem er zwei kleine Mädchen in einem Eissalon in folgende Situation bringt: Ein Kind, dessen Eltern ganz einfach im falschen Netz telefonieren, muss sich mit einer Eiskugel zufrieden geben, während es traurig jenem Kind zuschaut, das dank seiner cleveren Eltern einen gefährlich wackelnden Berg an Eiskugeln einheimst. Die simple Botschaft der Story: Sparen Sie beim Telefonieren, denn dann können Sie sich von anderem mehr leisten.

An sich ist der Spot einer wie viele andere, wäre da nicht der bewusste und daher unübersehbare Konnex zu einer Realität gewordenen Traurigkeit in unserer „Wohlstandsgesellschaft“: Kinder, die in Verhältnissen aufwachsen, die so etwas Banales wie Eiskreme nicht mehr vorsehen. Kinder, die traurig dabei zuschauen müssen, wie

Meinung

Gleichaltrige siegessicher mit mehr aus dem Geschäft spazieren, als sie überhaupt tragen können. Wie verhöhnt müssen sich gleichzeitig Eltern vorkommen, die unter größten Anstrengungen und Sparsamkeit ab und an eine Eiskugel vermögen, wenn ihnen vorgegaukelt wird: Ändere einfach deinen Handytarif, dann kannst Du dir auch was leisten.

Sollte ich Ihnen nun ein klein wenig zu penibel oder dünnhäutig erscheinen, biete ich gerne noch ein Beispiel: Als vor vier Jahren in Haiti die Erde bebte, beinahe 400.000 Menschen ihr Leben verloren und die meisten anderen alles was sie besaßen, warb unsere Lotto-Gesellschaft mit in sich zusammenstürzenden Altbauten (die man als frischer Millionär ja nicht mehr bräuchte).

Über Geschmack lässt sich bekannterweise nicht streiten, und auch über Sinn und Ausmaß von Werbung kann man gepflegt unterschiedlicher Meinung sein. Doch Werbebotschaften für Alltagsgüter, die sich existenzieller Not von Menschen bedient, sind keine Frage des Geschmacks mehr denn sie sind ganz einfach geschmacklos. Und das gilt nicht nur zur Weihnachtszeit oder dann, wenn gleichzeitig am Nebenkanal „Licht ins Dunkel“ läuft.