Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 1:40 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Ist der Nikolaus noch zumutbar?

Von Nikoletta Zambelis | Es lässt sich nahezu überall eine verdeckte Botschaft oder auch eine Grenzüberschreitung hineininterpretieren.

Nicht nur, aber auch aus Gründen der Verbundenheit mit meinem Namenspatron, ließ mich die Forderung nach einem glattrasierten Nikolaus ebenso aufhorchen, wie die Idee, seinen Besuch in Schulen zu untersagen. Will man im einen Fall die Kinder vor dem Schrecken bewahren, so soll die Verbannung aus der Schule Rücksichtnahme auf Anders- und Garnichts-Gläubige ausdrücken. Nun kann man natürlich der Verkleidung mit rotem Mantel, Mütze, Bart und Bischofsstab kritisch gegenüber stehen, zumal ja spätestens im zarten Alter von zwölf die Illusion, es käme der echte heilige Nikolaus mit einem Sack voller Gaben, wie eine hohler Schokokrampus zerbricht. Dieselbe Kritik müsste dann aber konsequenterweise jegliche Verkleidung als symbolbesetzte Figur treffen. Da gäbe es zum Beispiel Engel, die gerade saisonbedingt durch die Straßen der Stadt spazieren (und erstaunlicherweise nicht schweben). Vermutlich werden sie kein Kind erschrecken, aber möglicherweise andersgläubige Menschen zumindest verwundern. Oder denken wir an Perchten und Matschgerer, die aus der volkstümlichen Tradition vieler Gemeinden nicht wegzudenken sind. Ich persönlich fürchte mich heillos vor den gruseligen Figuren, doch muss man sie deswegen abschaffen?

Man könnte den Verkleidungen noch zusätzliche

Meinung

Symbolkraft andichten. Wieso trägt der Nikolaus rot? Steckt da vielleicht als ein politisches Statement dahinter, mit dem Anhänger anderer Parteien vor den Kopf gestoßen werden könnten? Die Angemessenheit goldener Engelsflügel in Zeiten der Wirtschaftskrise wäre dann ebenso zu hinterfragen, wie die dunkle Hautfarbe eines der heiligen drei Könige. Und überhaupt, was heißt das, Könige? Müsste das nicht korrekterweise Könige und Königinnen heißen?

Wollten wir also alles, an dem jemand Anstoß nehmen könnte, aus unseren gewohnten Traditionen herausdestillieren, kämen wir vom Hundertsten ins Tausendste. Es ließe sich schließlich nahezu überall eine verdeckte Botschaft oder auch eine Grenzüberschreitung hineininterpretieren, vor der es jemanden zu schützen gälte. Das Ergebnis wären eine abgeschliffene, wesensentleerte und stromlinienförmige Kultur in blass grau.

Wir könnten aber auch Traditionen und deren Figuren angemessen distanziert (eine persönliche Identifizierung mit dem Nikolaus oder einem Engel ist nicht nötig), ehrenvoll und selbstbewusst pflegen. Denn Respekt vor anders denkenden Menschen drückt sich in weit größeren Gesten aus als in jener, die eigenen Traditionen am Altar von Pseudo-Rücksichtnahme zu opfern.