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punktierte Linie

Die Geister, die
man rief

Von Nikoletta Zambelis | Errungenschaften aus den Zeiten scheinbar unbegrenzten Wirtschaftswachstums wanken.

Der Einsatz von Gewerkschaften und deren langer Arme, der Betriebsräte, für jährliche Gehaltssteigerungen, starre Arbeitszeiten, Vollzeitarbeitsplätze und Fixanstellung hatte in Zeiten des Wirtschaftswachstums und der damit möglichen stetigen Bereicherung der Unternehmerseite Berechtigung und Notwendigkeit. Doch scheinen die schon reflexhafteanmutenden Aufschreie gegen jegliche Anpassung an die Wirtschaftsrezession den derart Vertretenen eher zu schaden als zu nützen.

Reglementierte Arbeitszeiten, gesicherte Gehaltstabellen und vermeintlicher Anspruch auf eine Vollzeitbeschäftigung sind nur einige Beispiele für Errungenschaften, deren Wurzeln in Zeiten scheinbar unbegrenzten Wirtschaftswachstums lagen. Der Schutz von Arbeitern und Angestellten gegenüber einem stets suspekten, weil als ausbeuterisch und nimmersatt wahrgenommenen Arbeitsherren schien da berechtigt. Sollten doch schließlich jene, die mit ihrer Hände (oder Köpfe) Arbeit das Wachstum erst ermöglichten, an dessen Profit teilhaben dürfen. Soweit die Historie. Spätestens seit 2008 hat sich das Blatt jedoch gewendet, und aller Prognosen zum Trotz, blieb es auf der Seite liegen, die nicht nur kein Wachstum mehr verspricht sondern gerade noch um Erhalt oder verlangsamtes Schrumpfen ringen kann.

In einen solchen Umfeld erscheinen Regelwerke, die jährliche Gehaltsvorrückungen und starre Arbeitsverträge garantieren, völlig unangemessen und für den einst zu schützenden Arbeitnehmer schädlich. Denn womit soll ein gewöhnlicher Unternehmer ein verankertes Gehaltsplus von z.B. 2,5 Prozent bezahlen, wenn er sich mit einem Umsatzminus von 2,5 Prozent herumschlagen muss?

Meinung

Derselbe Unternehmer bemüht sich ergo um zusätzliche Aufträge. Mit etwas Glück zieht er einen dicken Fisch an Land, der nun abgearbeitet werden will. Die Belegschaft steht an den geregelten Wochen- und Monatsarbeitszeit an und Überstunden sind tabu. Will sich derselbe Unternehmer nun mit Leiharbeitern oder Teilzeitkräften über die Runden helfen, kommt ein Aufschrei: Nein, nein, das gehe zu weit, der Schutz der Arbeitnehmer sei in Gefahr und ein neues Ausbeutertum drohe. Welche Alternativen hat der Unternehmer nun? Er stellt Vollzeitkräfte an und kündigt sie nach dem Auftrag wieder. Ganz schlecht, meint dazu die Gewerkschaft. Nun, vielleicht geht es dann mit Durchrechnungszeiträumen der Arbeitszeit, diesen Monat etwas mehr Stunden, nächsten Monat dafür weniger? Das geht ja nun gar nicht, tönt es aus Betriebsratsmunde. Überstunden gehören mit Aufschlägen abgegolten und im Folgemonat weniger arbeiten? Ja gerne, aber bei gleichem Gehalt.

Jetzt wird guter Rat im wahrsten Sinne teuer, denn der mühsam erkämpfte Auftrag ist nicht bewältigbar und muss ausfallen. Das so dahinschwindende Umsatzplus bleibt das Risiko des Unternehmers, die dennoch gestiegenen Gehälter sind die Freude der Gewerkschaft. Die Schere öffnet sich immer weiter und hat im schlimmsten Fall die Schließung oder Auslagerung des Betriebes (oder von Betriebsteilen) zur Folge. Die Leidtragenden sind dann die Arbeitnehmer, die man eigentlich hatte schützen wollen. Doch ähnlich wie im „Zauberlehrling“ ertrinken die leider in den Fluten, weil es die Zauberer versäumt haben, ihre Formeln auf die aktuellen Geister auszurichten und stattdessen lieber munter wie Lehrlinge vor sich hin hexen.