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Es fliegt, es fliegt,
es fliegt…

Von Nikoletta Zambelis | …ein Stein-Häftling. Soll er das tun dürfen?

Es liest sich wie ein Aprilscherz wenn die Kronenzeitung von einem Stein-Häftling berichtet, der während der Ausgänge seinem Brotberuf nachgehen darf. Doch da wir im November sind, und es sich bei besagtem Beruf um den eines Piloten handelt, ist man rasch wieder in der Realität angekommen.

Darf denn das sein, fragt man sich als Laie, dass mich jemand der wegen schweren Betruges in Stein einsitzt, von A nach B fliegt? Diese Frage lässt sich durchaus spannend und kontroversiell betrachten.

Da taucht einmal der Aspekt einer späteren Resozialisierung auf dem Radar der Justiz auf, der nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Schließlich soll Strafe ja läutern und nicht vernichten. Die Pilote-Lizenz, die einstens viel Geld gekostet hatte, stellt nur bei laufender Belebung auch weiterhin die Existenzgrundlage eines Piloten sicher. Verunmöglicht man also das Fliegen, haben nach der Entlassung sowohl der Ex-Häftling als auch das System ein Riesenproblem, denn was macht man mit einem lizenzlosen Piloten?

Konsequent fertig gedacht, müsste dieser Resozialisierungsanspruch aber auf jeden zutreffen. Denn was macht man mit einem Chirurgen, der seit Jahren nicht mehr schnipseln konnte, oder einem Steuerberater der während der letzten Steuergesetznovellen hinter schwedischen Gardinen saß? Beide würden sich nach ihrer Entlassung vermutlich auch sehr schwer tun, in ihrem Brotberuf wieder Fuß zu fassen. Selbst wenn hier nicht die zwingende Forderung einer Lizenz dahintersteckt, so wird selbst einem Automechaniker nach langem erzwungenen Aufenthalt in Sing-Sing jene Routine fehlen, die er für die vertrauenswürdige Ausübung seines Jobs

Meinung

benötigt.

Apropos Vertrauen. Sowohl aus Arbeitgebersicht als auch aus Sicht des Kunden bedarf es schon eines gerüttelten Maßes an Vertrauen und Menschenliebe, sich in die Hände eines Noch-Häftlings zu begeben. Selbst wenn es sich „nur“ um schweren Betrug handelte, so hat der gute Mann doch immerhin so viel kriminelle Energie frei werden lassen, dass der Gesetzgeber für einige Zeit gesiebte Luft verordnete. Also frei herum zu laufen ist vorübergehend tabu, frei herum zu fliegen jedoch nicht?

Ganz so frei scheint es dann doch nicht zuzugehen, denn, so wird berichtet, die fliegerische Freiheit gilt nur im Inland. Ganz geheuer dürfte dem Erfinder des Freiflugs (von Freigang kann man ja nun wirklich nicht sprechen) doch nicht gewesen sein, denn wozu sonst die Barriere? Es wird wohl hoffentlich nicht mangelndes Vertrauen in den Häftling dahinter stecken, oder womöglich in die Gesetzeshüter benachbarter EU-Länder?

Und weil wir gerade von der EU sprechen, was heißt hier eigentlich Inland? Ich will den Mann ja nicht auf Ideen bringen, doch irgendwie ist das schon ein bisschen diskriminierend und eigentlich ein Fall für Brüssel.

Fügt man also all diese Betrachtungen wieder zu einem Bild zusammen, verändert sich die Frage von „Kann denn das sein?“ auf „Hat man hier denn fertig gedacht?“. Denn auch wenn von einem Betrüger sehr wahrscheinlich keine unmittelbare Gefahr ausgeht, so hat die Entscheidung für die möglichen Freiflüge doch so viele andere und unbeantwortete Fragen erzeugt, dass man es besser hätte bleiben lassen.