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punktierte Linie

Freiheit will
gelernt sein

Von Nikoletta Zambelis | Denn wo Freiheit ist, da gibt’s auch Pflichten.

In den 25 Jahren seit ihrem Fall hat sich die Berliner Mauer als Symbol für grenzenlose Freiheit und Möglichkeiten etabliert. Dass Freiheit jedoch nicht nur das Recht beinhaltet, immer und überall alles haben, tun und beanspruchen zu dürfen, sondern dass mit Freiheit auch Pflichten einhergehen, haben wir dabei wohl übersehen.

Über den Inhalt des Begriffes Freiheit ließe sich trefflich und ausführlich diskutieren, und bis heute ist die Geschichte geprägt von Menschen, die sich auf unterschiedliche Weise für sie einsetzen. Die Wege, die sie dabei beschreiten, füllen die Tagesnachrichten und hinterlassen nicht nur Freude und Chancen, sondern häufig auch Gewalt und Blutspuren. Doch die Pflichten, die mit Freiheit einhergehen haben es noch selten in eine Schlagzeile geschafft.

Gesetzliche Rahmenbedingungen stellen für diese Pflichten zwar einen nötigen Rahmen dar, doch müssen diese auch den persönlichen Spielraum erlauben, sollen sie einem demokratischen System entsprechen. Dieses demokratiebedingte Vakuum mag wohl einer der Gründe dafür sein, dass die freiheitsbegleitenden Pflichten von jedem individuell definiert, gedehnt und demzufolge (nicht) erfüllt werden. Beginnend bei Größen aus Politik, Kirche und Wirtschaft über echte oder gefühlte

Meinung

Künstler bis hin zu Menschen, die täglich den Bus mit einem teilen, regelte jeder auf seine Weise seine Pflichten im oder über den Rahmen des Gesetzes hinaus.

So hat sich noch nicht breit etabliert, dass das Recht auf das freie Spiel der Märkte auch die Pflicht zur Nachhaltigkeit beinhaltet. Eben so wenig hat Religionsfreiheit die breite Masse zu Toleranz und Respekt verpflichtet, ganz zu schweigen davon, dass die Freiheit, die politische Repräsentanz zu wählen, gleichzeitig auch als Pflicht gelebt wird. Die Freiheit, verschiedene Bildungswege einzuschlagen, beinhaltet ebenso die Pflicht zur Weiterbildung wie Reisefreiheit zur Offenheit gegenüber anderen Kulturen verpflichten sollte.

Das Recht auf freie Meinungsäußerung, eines jener Rechte, das wir als so selbstverständlich hinnehmen wie die Luft zum Atmen, haben wir über weite Strecken auch dahingehend adaptiert, dass wir jederzeit und überall, gefragt oder ungefragt, im Tone undifferenziert unseren Senf abgeben dürfen. Dass damit auch die Pflicht einhergehen könnte, die Freiheit anderer zu berücksichtigen, sich nicht alles anhören zu wollen, haben zumindest jene Mitmenschen ausgeblendet, die uns allerorts am Inhalt ihrer mobilen Telefongespräche teilhaben lassen.