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punktierte Linie

Herbergssuche 2014 Jahre später

Von Nikoletta Zambelis | Man muss weder ausgesprochen religiös sein noch Weihnachten sonderlich lieben, um die biblische Geschichte von der Herbergssuche zu kennen.

Selbst wenn man gar keinem Glauben anhängt, ja ihn sogar ablehnt, so ist das Drehbuch der Story heute so aktuell wie vor 2014 Jahren und hätte das Potenzial zum Kinohit. Die Beschreibung des Films würde in etwas so lauten:

Joe und Mary sind ein junges, unverheiratetes Paar, das mit tausenden von Landsleuten aus seiner Heimat fliehen muss. Das diktatorische Regime und jahrzehntelange Misswirtschaft haben ihr Land in einen Dauerkriegsschauplatz verwandelt. Gehetzt von ihren eigenen Glaubensbrüdern und ausgenommen von Schlepperbanden erreichen sie mit knapper Not die vermeintlich rettende Küste Europas. Als Mary feststellt, dass sie schwanger ist, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit und eine monatelange Irrfahrt durch Europa, die beinahe mit dem Tod endet. Prädikat: wertvoll.

Mit einer Tüte Popcorn auf den Knien und ausgestattet mit vielen Taschentüchern könnten wir uns schluchzend und erschüttert die Story in Dolby Surround reinziehen und uns abschließend mit „Ist ja nur ein Film!“ trösten.

Doch dieser Film spielt sich genau vor unserer

Meinung

Nase, tagtäglich an der Grenze zu Italien ab. Ganz ohne Special Effects, dafür in 3D und live ließe sich in unmittelbarer Nähe das Schicksal von Joe und Mary mit verfolgen. Anders als im kuscheligen Kino wirken dort die Hauptdarsteller vermutlich nicht so gepflegt und anziehend. Und ganz anders als auf der Leinwand sprechen dort die Akteure mit uns und bitten „Oh gebt uns Herberg heut!“ Doch anders als vor 2014 Jahren, stehen da keine Herbergsleut‘ mehr, sondern Polizisten. Denn die Herbergsleut‘ sitzen ja gut behütet im geheizten, trockenen Kino und lassen von dort ausrichten: „Kein Platz, sind nicht zuständig, wer hat euch eingeladen, schert euch fort!“ So sieht Herbergssuche im Jahr 2014 aus. Herr und Frau Herbergsgeber machen sich noch nicht einmal mehr die Mühe, sich aus den Kinostühlen zu erheben, den Hauptdarstellern persönlich gegenüber zu treten, und ihnen in die Augen zu schauen, wenn sie sie abweisen.

Vielleicht ist ja genau das der Grund, warum wir über das Schicksal von Joe und Mary so verfügen: Wir haben ihnen noch nie in die Augen geschaut. Wie sonst könnte man Menschen auf der Flucht, die nicht wissen wohin, aus einem der wohlhabendsten Länder der Welt verjagen?