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punktierte Linie

Sinnerfassend zuhören

Von Nikoletta Zambelis | Was sagt es über unser Bildungsniveau, dass laut Radio-Auskunft von wahllos befragten Passanten ein Meter 125 Zentimeter lang ist?

Täglich versucht uns das Frühstücksradio mit den Hoppalas ahnungsloser, mit dem Mikrophon vor der Nase überrumpelter Mitmenschen zu amüsieren. Die Formate und die gestellten Fragen variieren, die Botschaft ist jedoch stets dieselbe: Hört euch diesen Tölpel an, da meint doch einer tatsächlich, Monogamie sei eine Frechheit, und er würde sich glatt scheiden lassen.

Zum Schulbeginn überraschte man die Opfer mit Fragen der Allgemeinbildung. Eine davon lautete: „Minus-Rechnen bezeichnet man als Subtrahieren, wie nenn man Plus-Rechnen?“ Die gegebenen Antworten reichten von „Das heißt gar nicht Subtrahieren“ bis hin zu „Multiplizieren“. Gut, das muss man im Leben ja nicht so oft wissen. Anders könnte es sich bei der Frage „Wie sagt man richtig: drei mal drei ergibt zehn, oder drei mal drei ist zehn?“ darstellen Erstaunlicherweise befanden sich unter den Befragten etliche Grammatikexperten, lediglich rechnen konnte keiner von ihnen. Als tags darauf die Frage „Ein Meter hat hundert Zentimeter. Wie viele Zentimeter hat ein viertel Meter?“ wie aus der Pistole geschossen mit „125″ beantwortet wurde, blickte ich in den Zauberspiegel:

Meinung

Mir ist klar, dass es auch etliche richtige Antworten geben muss, die, um den Sinn des Formates nicht zu zerstören, herausgeschnitten werden. Doch wie steht’s um die verbleibenden falschen Antworten? Tief in meinem Inneren hoffe ich, dass sich das Rätsel irgendwann lösen wird, indem sich die Falsch-Antworter als vom Sender geköderte, mit viel Geld bestochene oder sonstwie erpresste Probanden outen. Vielleicht müssen sogar in Ungnade gefallene Programm-Mitarbeiter die Rolle der Tölpel der Nation übernehmen, indem sie unter Androhung von Kündigung gezwungen werden, die vorformulierten falschen Antworten zu geben. So traurig deren Schicksal wäre, so tröstlich fände ich es in Hinblick auf unseren Bildungsstandard.

Denn wenn es nicht so ist und die falschen Antworten echte und nach freiem Willen antwortende Passanten geben, dann gute Nacht, liebes Bildungsniveau. Der Auftrag der sich daraus für unsere Regierung ableitet, könnte lauter und klarer nicht sein. Vorausgesetzt natürlich, die zuständige Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek hört diese Frühstücksflocken überhaupt, oder kann, was noch viel wichtiger wäre, sinnerfassend zuhören.