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punktierte Linie

Erzwungenes
Wachstum

Von Nikoletta Zambelis | Wachstumsmüll von Großpackungen und Duschschläuchen.

Das Wachstum unserer Wirtschaft scheint weiter festzustecken und sich trotz allen guten Zuredens nicht so recht einstellen zu wollen. Angesichts dennoch steigender Kosten (die so tun, als ob es doch ein Wirtschaftswachstum gäbe, wie z.B. Lohnkosten), sehen sich Unternehmer gezwungen, ihren Umsatz künstlich anzukurbeln. Auf Konsumentenseite stellt sich das folgendermaßen dar:

Die „Eins plus eins“-Aktionen oder „Zahl eins nimm zwei“-Angebote einer omnipräsenten Handelskette als Beispiel beflügeln den Umsatz des Unternehmers und lassen den leichten Tageseinkauf ganz nebenbei zu einer Riesenschlepperei geraten. Man wäre ja schließlich nicht recht g’scheit, die zweite Flasche Wein, das Aktionsbrot und die Gratisschokolade liegen zu lassen. Da es sich bei all diesen Produkten um Konsumgüter handelt, finden sie ja trotzdem irgendwann ihren sinnvollen Einsatz und ein konsumgütliches Ende. Selbst die 80 Rollen Toilettenpapier, die man derart erstanden und mühsam überall in der Wohnung untergebracht hatte, werden irgendwann verbraucht sein.

Doch nun folgen auch die Hersteller von Gütern, die sich nicht so schnell (oder gar nicht) verbrauchen, demselben Ideenreichtum. Scharniere einer Kühlschranktüre werden zwar meist einzeln kaputt, lassen sich aber nur noch im Doppelpack kaufen. Teile eines Autotürengriffes kann man ebenfalls nicht mehr anlassbezogen erstehen, sondern nur noch im Set mit dem ganzen Griff. Der neueste Schrei bei Leuchtkörpern sind eingebaute und

Meinung

nicht austauschbare LED-Lampen. Vorbei die Zeiten, wo man sich eine natürlich EU-konforme Glühbirne kaufte – nun muss man gleich auf Lampensuche gehen. Mein eigener Haushalt wartet inzwischen mit drei frei herum liegenden Duschschläuchen auf, die ihrer nicht eintretenden Verwendung entgegensehen. Doch leider waren die beim Kauf einer Duschstange, eines neuen Brausekopfs und einer Duscharmatur jedes Mal automatisch mit dabei. Ganz abgesehen davon, dass man auf diese Weise zu Wirtschafswachstum gezwungen wird, indem man Geld für etwas ausgeben muss, das man gar nicht braucht (oder gar will), drängen sich noch zwei Fragen auf:

Wohin sollen wir mit dem ganzen Wachstumsmüll auf unseren ohnehin schon überquellenden Müllbergen? Selbst wenn man mit kreativen handwerklichen Fähigkeiten gesegnet ist und aus Duschschläuchen Kunstobjekte gestalten kann, so ist doch irgendwann der Tag gekommen, an dem man beim besten Willen keine Verwendung mehr dafür findet.

Zusätzlich drängt sich dann aber auch die Befürchtung auf, dass wir noch nicht am Ende des erzwungenen Wachstums angelangt sein könnten. Wieso muss das Verkaufspaket bei der Türschnalle enden und nicht erst bei der mit aufgezwungenen Türe (oder gar einer ganzen Karosserie)? Und vielleicht unterschätzte man bis dato auch die Chancen, die im Verkauf von Scharnieren stecken und liefert künftig gleich ganze Kühlschränke mit, die man dann im Wohnzimmer, das automatisch an der Lampe hing, drapieren kann.