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Fristenlösung – Anarchie in Tirol

Von Nikoletta Zambelis | Fast 40 Jahre nach Einführung der Fristenlösung in Österreich gilt das Gesetz in Tirol offenbar nicht. Das ist Anarchie.

Wenn nun also auch unser Gesundheitsminister Alois Stöger fordert, dass Schwangerschaftsabbrüche in den öffentlichen Spitälern Tirols (und auch Vorarlbergs) möglich sein müssen, wird der Empörung im ach so katholischen Fürstentum Tirol wohl kaum mehr Einhalt zu bieten sein. Oder vielleicht doch?

Lassen Sie uns einmal nüchtern die Fakten sammeln. Alois Stöger fordert nicht zu Abtreibungen auf. Was er, aus seiner Funktion heraus völlig zurecht verlangt ist, dass ein bereits seit 1975 (!!!) bestehendes Gesetz auch in den entlegensten Winkeln der Alpenrepublik umgesetzt wird. Die Fristenlösung, die Abtreibungen nach einem Beratungsgespräch bis zu zwölften Schwangerschaftswoche nicht unter Strafe stellt, sollte nun also seit nahezu 40 Jahren dafür sorgen, dass Frauen und Einrichtungen, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen können, ohne dafür kriminalisiert zu werden.

Doch weil nicht sein kann, was nicht sein darf sagt man sich in Tirol: Also das geht zu weit. Die Fristenlösung mag gelten für wen sie will, aber nicht in unserem heiligen Land Tirol. Wir schützen ungeborenes Leben, haben eigentlich keinen Bedarf und die betroffenen Frauen haben eben Pech. Nein, eigentlich haben sie es eh verdient, am Altar von Moral und Verurteilung geopfert zu werden. Hätten sie halt früher darüber nachgedacht, was sie tun. Jetzt müssen sie die Konsequenzen tragen, und wenn die Konsequenz bedeutet, in die Fremde reisen zu müssen, dann ist das nur recht und billig. Amen. Mit dem klitzekleinen Nebenaspekt, dass in anderen (Bundes-)Ländern ja auch nicht nur gottlose

Meinung

Barbaren am Werk sind, brauchen wir uns dann auch nicht mehr näher zu befassen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Über Abtreibung an sich kontroversieller Meinung zu sein, ist legitim und wichtig. Welchen Sinn hätte sonst auch das verpflichtende Beratungsgespräch, wenn Patientin und Arzt der einhellig selben Meinung wären? Wie stünde es weiters um Verhütung oder Meinungsänderung, wenn es zur Abtreibung nicht auch Mahner und Gegner gäbe? Doch ein bestehendes Gesetz schlichtweg zu ignorieren, ist nicht mehr eine Frage des Mahnens, sondern grenzt schon an Anarchie. Diese mit fehlendem Bedarf zu verbrämen, ist beinahe so scheinheilig, wie die Verurteilung einer zutiefst persönlichen und sensiblen Entscheidung. Denn eine medizinische Leistung aus den öffentlichen (und nebenbei bemerkt: von uns allen bezahlten) Krankenhäusern zu verbannen und dann zu behaupten, es gäbe keinen Bedarf dafür, ist ungefähr so zynisch, als wollte man nach einem katholischen Hochamt behaupten, es habe eh keiner einen Bedarf an einem Minarett geäußert.

Ob Alois Stöger nun auf Stimmenfang unter den Tiroler Frauen ist, oder ihm, wie er behauptet, die Frauen ein Anliegen sind, die qualitätsvolle, öffentliche Einrichtungen vorfinden sollen, ist eigentlich irrelevant. Letztlich fordert er nicht mehr und nicht weniger, als dass geltendes Gesetz auch in Tirol zur Anwendung kommt. Ein Empörungssturm über den Schutz des ungeborenen Lebens ist einedeutlich unangebrachte Reaktion darauf und kommt davon abgesehen einfach 40 Jahre zu spät.