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Die große
Stau-Sucht

Von Nikoletta Zambelis | Was Tausende und Abertausende von Europäern alljährlich in den Stau treibt.

Mag das Thema durch seine jährliche Wiederkehr schon einigermaßen abgedroschen wirken, so verleitet gerade die nachhaltige Sucht von Herrn und Frau Urlauber dazu, sich auch hier dieser Droge zu widmen: dem Reisestau.

Wöchentlich werden aktuell Warnungen vor Megastaus mit all ihren Folgen ausgesprochen, und wöchentlich ignoriert sie die breite Masse. Da man halb Europa kaum selbstquälenden Masochismus oder gar fehlenden Lernfähigkeit unterstellen kann, die die jährliche Teilnahme an den Staus erklären könnten, bleibt eigentlich nur noch ein Schluss übrig: Menschen mögen das, ach was mögen, sie sind süchtig danach, jedes Jahr aufs neue ihren Urlaub mit stundenlangen Aufenthalten in Blechlawinen zu beginnen.

Die Aufregung darüber, wen man denn heuer im Stau treffen und kennen lernen könnte, hat ja auch einiges an Suchtpotenzial. Das turnen uns soziale Netzwerk unterjährig auch vor. Nur ist es im Stau um vieles besser, denn man lernt sich persönlich kennen, hat viel mehr Zeit füreinander und man kann nicht einfach weggeklickt werden. Die Möglichkeiten, diesem Erlebnis noch einen ultimativen Kick zu geben, scheinen ebenfalls unerschöpflich. Mit zu wenigen Getränken an Bord oder nörgelnden Reisegefährten zu starten, sind da beinahe schon langweilige Klassiker. Die wahrhaftigen Stau-Junkies greifen mittlerweile zu härterem Tobak: Benzin-Tank bereits auf Reserve, ein nicht umtauschbares Ticket für die Fähre oder Anstellen in der Spur für Dauermautkartenbesitzer

Meinung

mit anschließendem Rückwärtsfahren gegen eine zehn Kilometer lange, hupenden Kolonne. Andere wiederum planen bereits mit der Wartezeit, um Aufgaben, für die unterm Jahr keine Zeit geblieben ist, abarbeiten zu können: das längst fällige Beziehungsgespräch mit dem Partner, die Moralpredigt an die Kinder, Nagelpflege an Hand und Fuß und das Versetzen der Knöpfe an der zu eng gewordenen Sommerhose. Wann, bitteschön, hätte man das alles noch erledigen sollen, wenn nicht im Stau am Schönberg? Wo sonst wäre man dabei unabgelenkt geblieben und hätte, umgeben von lauter Gleichgesinnten, auch noch eine malerische Kulisse dafür gehabt?

Unter diesem Gesichtspunkt mutiert jede Stauwarnung zu einem Versprechen, welches auch diesen Sommer wieder Tausende und Abertausende Europäer einlösen werden.

Und was die staugeplagten Anrainer der neuralgischen Strecken betrifft, haben die bis dato die unendlichen Geschäftsmöglichkeiten, die sich dahinter verbergen, nur noch nicht erkannt. Von mobilen Getränke- und Imbissbuden, die mit dem Stau mitrollen bis hin zu, Nähserviceeinrichtungen, Verkäufern von Handyladegeräten und fliegenden Paartherapeuten bis hin zu Reinigungs- und Kleinreparaturwerkstätten für Autos könnten an der Stausucht so einige gutes Geld verdienen. Kreativer Straßendealer an zumindest 15 Wochenenden im Jahr zu sein, ließe nicht nur die Kassa klingeln sondern würde der Stausucht auch noch den angemessenen Rahmen verschaffen.